
Ein spannender Abenteuerroman über ein Familiengeheimnis, eine geheime Karte und eine Insel, die auf keiner Karte steht
Deutsch Band 1 der Reihe »Die Meridian-Abenteuer« von Andreas Reis.
Als die fünfzehnjährige Mara Seidel im Nachlass ihres verschwundenen Vaters eine alte Messing-Kompassscheibe findet, verändert sich alles. Denn der Kompass zeigt nicht nach Norden. Er zeigt auf eine Insel, die auf keiner Karte existieren dürfte.
In Jakobs Feldbuch fehlen Seiten – sauber herausgeschnitten. Zwischen den übrigen steht ein einziger Satz: »Wenn sie die Linie findet, darf sie nicht allein gehen.«
Maras Mutter weiß mehr, als sie zugibt. Und je weiter Mara der Spur ihres Vaters folgt, desto deutlicher spürt sie: Sie ist nicht die Einzige, die nach diesem Geheimnis sucht.
Ein atmosphärischer Abenteuerroman über Mut, Freundschaft und die Frage, wie man mit einem Menschen weiterlebt, der einfach verschwunden ist.
Denn manche Karten zeigen nicht den Weg zurück. Sondern den ersten Schritt nach vorn.
Das komplette erste Kapitel, ungekürzt vorgelesen (20:56 Minuten). Die Aufnahme nutzt eine synthetische Stimme.
Das erste Kapitel in voller Länge (2555 Wörter) - kostenlos lesen, ohne Anmeldung.
%% PART: Akt Eins — Der Kompass ohne Norden # Das Zimmer mit den Seekarten
Der Karton roch nach Salz, Staub und einem Sommer, der seit fünf Jahren vorbei war.
Mara Seidel saß im Schneidersitz auf dem Boden ihres Zimmers und betrachtete den braunen Umzugskarton, als hätte er sich unerlaubt bewegt. Auf dem Deckel stand in der Handschrift ihrer Mutter:
**JAKOB — ARBEITSZIMMER — NICHT DRINGEND**
Nicht dringend.
Mara hatte diese zwei Wörter den ganzen Nachmittag angestarrt.
Es gab Dinge, die nicht dringend waren. Ersatzknöpfe. Alte Ladekabel, von denen niemand mehr wusste, zu welchem Gerät sie gehörten.
Aber nicht die Sachen ihres Vaters.
Nicht die Karten, die er mit nach Hause gebracht hatte, wenn er nach Tabak, Regenjacke und fremden Häfen gerochen hatte. Nicht die Feldbücher, in denen seine Schrift schräg über die Seiten lief, als wären die Gedanken schneller gewesen als seine Hand. Nicht der Messingzirkel, mit dem er früher auf dem Küchentisch Kreise gezogen hatte, bis Mara gefragt hatte, ob er eigentlich immer die Welt zerschneiden müsse.
»Nur auf Papier«, hatte er damals gesagt.
Das war fünf Jahre her.
Mara zog den Karton näher zu sich heran. Der Boden knarrte leise unter ihr. Draußen lag Bremerhaven unter einem grauen Abend, der nicht richtig regnete und nicht richtig trocken blieb. Am Fenster klebten Tropfen wie winzige Linsen. Hinter den Häusern hörte man den Hafen: ein tiefes Hupen, Metall auf Metall, Möwen, die klangen, als hätten sie persönlich etwas gegen die Menschheit.
Auf ihrem Schreibtisch lag ein Notizblock. Darauf hatte Mara in sauberer Schrift geschrieben:
**Nachlass Jakob Seidel — Sichtung** 1. Karten 2. Bücher 3. Geräte 4. private Briefe 5. unklar / Mutter fragen
Sie hatte Punkt fünf zweimal unterstrichen.
Dann hatte sie ihn wieder durchgestrichen.
Mutter fragen bedeutete, dass ihre Mutter den Blick bekam. Nicht traurig. Traurig wäre einfacher gewesen. Traurig konnte man verstehen. Der Blick ihrer Mutter war vorsichtig, als würde jedes Wort auf dünnem Eis stehen.
Mara nahm das kleine Cuttermesser vom Boden, schnitt das Paketband auf und klappte den Karton auf.
Oben lagen Seekarten.
Nicht ordentlich gerollt, wie es ihr Vater früher getan hatte, sondern flach hineingepresst, mit geknickten Ecken. Mara hob die erste heraus. Nordatlantik. Bleistiftlinien. Kleine Kreuze. Daneben Zahlen, die keine Koordinaten waren — zumindest keine vollständigen.
Sie legte die Karte neben sich.
Die nächste zeigte eine Küste, die Mara nicht sofort erkannte. Irgendwo felsig. Viele kleine Inseln. Einige davon waren mit dünnem Bleistift umkreist, andere mit einem einzigen Strich durchgestrichen.
Durchgestrichen hieß bei ihrem Vater nie: unwichtig.
Durchgestrichen hieß: später.
Oder: gefährlich.
Oder: Ich erkläre es dir, wenn du alt genug bist.
Mara spürte, wie sich ihr Bauch zusammenzog. Sie hasste diesen Satz, obwohl ihr Vater ihn nie genau so gesagt hatte.
Unter den Karten lag ein Feldbuch.
Mara nahm es vorsichtig heraus.
Der Einband war dunkelgrün, an den Ecken abgewetzt. Ein Gummiband hielt es zusammen. Auf der Vorderseite stand nur ein einzelner Buchstabe.
**J.**
Mara kannte dieses Buch.
Oder sie glaubte, es zu kennen.
Ihr Vater hatte es auf seiner letzten Reise dabeigehabt. Sie erinnerte sich daran, weil er es am Abend vor seiner Abfahrt auf dem Küchentisch liegen gelassen hatte. Mara war damals zehn gewesen. Sie hatte hineinschauen wollen, nur kurz, nur in die erste Seite. Jakob hatte es bemerkt, ihr aber nicht böse den Deckel zugeklappt.
Er hatte nur gesagt: »Nicht jede Karte zeigt einen Ort, Mara.«
Damals hatte sie gelacht, weil es nach einem typischen Vater-Satz klang. Einer dieser Sätze, die wichtig wirken wollten und meistens nur bedeuteten, dass Erwachsene keine klare Antwort geben konnten.
Jetzt lachte sie nicht.
Sie löste das Gummiband.
Die ersten Seiten waren voll mit Skizzen: Küstenlinien, Windpfeile, Strömungsnotizen. Einige Wörter waren in einer Kurzschrift geschrieben, die Mara nie gelernt hatte. Auf Seite sieben klebte ein getrockneter Grashalm. Auf Seite zwölf war ein kaffeebrauner Fleck. Auf Seite dreizehn hatte ihr Vater eine kleine Zeichnung gemacht: eine Windrose ohne Norden.
Mara strich mit dem Daumen darüber.
Es war keine normale Windrose. Osten, Süden und Westen waren markiert. Norden fehlte. Dort, wo der Nordpfeil hätte sein müssen, war ein kleiner Kreis gezeichnet.
Ein Auge.
Mara blätterte weiter.
Dann hielt sie inne.
Zwischen Seite achtzehn und neunzehn fehlten Blätter.
Nicht herausgerissen aus Ungeduld. Sauber entfernt. Mit einem scharfen Messer nahe am Bund geschnitten. Drei, vielleicht vier Seiten. Die schmalen Reste waren noch sichtbar, wie helle Narben im Papier.
Mara atmete flach aus.
»Natürlich«, murmelte sie.
Das Wort klang in ihrem Zimmer zu laut.
Sie griff nach ihrem Notizblock und ergänzte:
**Feldbuch: Seiten entfernt. Absichtlich.**
Dann schlug sie die nächste Seite auf.
Dort stand ein Satz.
Nicht in Jakobs normaler Arbeitsnotiz-Schrift, sondern langsam geschrieben. Deutlich. Fast zögernd.
**Wenn sie die Linie findet, darf sie nicht allein gehen.**
Mara las den Satz dreimal.
Sie wusste sofort, dass mit »sie« nicht ihre Mutter gemeint war.
Ihre Hände wurden kalt.
Unter dem Feldbuch lag ein kleines, in Ölpapier eingeschlagenes Päckchen. Es war mit einer dünnen Schnur verschnürt. Die Schnur war steif vor Alter oder Salz oder beidem. Mara legte das Feldbuch zur Seite und nahm das Päckchen heraus.
Es war schwerer, als es aussah.
Sie zog an der Schnur. Der Knoten gab nicht nach. Für einen Augenblick wollte sie ihn mit dem Cutter aufschneiden, doch irgendetwas hielt sie zurück. Ihr Vater hatte Knoten nie zufällig gemacht. Jeder hatte eine Aufgabe. Jeder sagte etwas über die Hand, die ihn gebunden hatte.
Mara drehte das Päckchen.
Der Knoten war ein Kreuzknoten. Einfach. Sicher. Lehrbuchmäßig.
Sie musste plötzlich an Jakobs Hände denken. An kurze Fingernägel, kleine Schnitte, einen hellen Streifen auf der Haut, wo im Sommer seine Uhr gesessen hatte. An den Geruch von Metall und Pfefferminzbonbons in seinen Jackentaschen.
Sie schluckte.
Dann löste sie den Knoten.
Das Ölpapier öffnete sich mit einem trockenen Rascheln.
Darin lag eine Scheibe aus dunklem Messing.
Mara hob sie an.
Sie war ungefähr so groß wie ihre Handfläche und fühlte sich kalt an, obwohl das Zimmer warm war. Auf den ersten Blick sah sie aus wie ein alter Kompass. Es gab einen äußeren Ring, feine Gravuren, Striche, winzige Punkte. In der Mitte saß eine runde Vertiefung, aber keine Nadel. Kein Glas. Kein Norden.
Mara drehte die Scheibe gegen das Licht ihrer Schreibtischlampe.
Die Gravuren waren nicht regelmäßig. Einige Linien liefen wie Küsten. Andere wie Risse. An drei Stellen waren Symbole eingraviert.
Eine Windrose ohne Norden.
Ein Auge im Kreis.
Eine gebrochene Linie über Wasser.
Mara spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Sie kannte das erste Zeichen aus dem Feldbuch.
Sie legte die Messingscheibe auf die Seekarte neben sich. Einen Moment lang passierte nichts.
Dann knackte es leise.
Nicht laut. Nicht dramatisch. Eher wie ein kleiner Gegenstand, der sich nach langer Zeit daran erinnerte, dass er einmal eine Aufgabe gehabt hatte.
Mara zog die Hand zurück.
Die Messingscheibe bewegte sich.
Sehr langsam.
Sie drehte sich auf der Karte um wenige Millimeter nach links. Dann stoppte sie. Wieder ein Knacken. Noch ein kleines Stück. Die Gravuren auf der Scheibe fingen das Licht ein und warfen einen schmalen goldenen Strich an die Wand.
Mara erstarrte.
Der Strich war nicht zufällig.
Er lief über ihr Bücherregal, schnitt die Kante eines alten Fotos, wanderte über die Tapete und blieb genau auf einem Fleck stehen, an dem nichts war.
Nur weiße Wand.
Mara stand langsam auf.
Der goldene Lichtstrich blieb.
Sie hob die Schreibtischlampe an, bewegte sie etwas nach links. Der Strich verschob sich, wurde breiter, brach auseinander. Mara hielt die Lampe wieder zurück. Der Strich sammelte sich erneut.
Er zeigte auf dieselbe Stelle.
»Okay«, flüsterte Mara. »Das ist nicht normal.«
Sie sagte es so nüchtern, wie sie konnte. Als würde Nüchternheit verhindern, dass die Welt sich veränderte.
Dann klopfte es an der Zimmertür.
Mara fuhr herum.
»Mara?« Die Stimme ihrer Mutter klang gedämpft. »Alles in Ordnung?«
Mara sah auf den Karton, das Feldbuch, die Messingscheibe, den Lichtstrich an der Wand.
»Ja«, sagte sie.
Die Tür öffnete sich.
Dr. Elin Seidel blieb im Türrahmen stehen. Sie trug noch den dunkelblauen Pullover aus dem Institut, die Haare waren locker im Nacken zusammengebunden. In ihrer linken Hand hielt sie eine Tasse Tee. In ihrer rechten ein Geschirrtuch, das sie wahrscheinlich seit zehn Minuten mit sich herumtrug, ohne es zu merken.
Ihr Blick fiel zuerst auf die Karten.
Dann auf das Feldbuch.
Dann auf die Messingscheibe.
Die Veränderung in ihrem Gesicht war klein. So klein, dass jemand anders sie vielleicht übersehen hätte.
Mara übersah nichts.
Etwas in den Augen ihrer Mutter schloss sich.
»Woher hast du das?«, fragte Elin.
Mara hob die Augenbrauen. »Aus dem Karton, auf dem du ›nicht dringend‹ geschrieben hast.«
Der Satz kam schärfer heraus, als sie gewollt hatte. Aber nur ein bisschen.
Elin trat ins Zimmer. Die Tasse zitterte nicht. Ihre Hände waren ruhig. Das machte es schlimmer.
»Mara«, sagte sie langsam, »du solltest diese Sachen nicht allein durchgehen.«
»Das ist interessant«, sagte Mara. »Weil auf dem Karton nicht stand: ›Nicht allein durchgehen.‹ Da stand: ›Nicht dringend.‹«
Elin stellte die Tasse auf Maras Fensterbank. »Ich wollte es mit dir zusammen machen.«
»Wann?«
Keine Antwort.
Mara deutete auf die Messingscheibe. »Was ist das?«
Elins Blick blieb daran hängen.
»Ein alter Teil von Jakobs Ausrüstung.«
»Das ist keine Antwort.«
»Doch.«
»Nein. Das ist ein Etikett.«
Elin sah sie an. Für einen Moment war da nicht die Mutter, die an Schulabenden fragte, ob Mara genug gegessen hatte. Nicht die Wissenschaftlerin, die beim Frühstück Mails las und dabei vergaß, dass Kaffee kalt wurde. Da war jemand, der eine Tür von innen zuhielt.
»Mara, bitte.«
Dieses Bitte traf sie unvorbereitet.
Nicht, weil es weich war.
Sondern weil es Angst hatte.
Mara sah wieder zur Wand. Der Lichtstrich war blasser geworden, weil die Lampe leicht verrutscht war. Trotzdem zeigte er noch immer auf dieselbe Stelle.
»Warum reagierst du so?«, fragte sie.
Elin antwortete zu schnell. »Ich reagiere nicht so.«
Mara lachte einmal kurz. Ohne Freude. »Mama.«
Elin schloss die Augen.
Draußen hupte ein Schiff. Tief, lang, wie eine Warnung unter Wasser.
Als Elin die Augen wieder öffnete, sah sie älter aus.
»Dein Vater hat auf seiner letzten Expedition Dinge gesucht, von denen ich nicht wollte, dass er sie sucht.«
Mara sagte nichts.
Das war neu.
Nicht völlig neu. Eher so, als hätte jemand einen bekannten Satz umgedreht und darunter einen zweiten sichtbar gemacht.
Ihr Vater war verschwunden. Das war die offizielle Wahrheit.
Sein Boot war beschädigt gefunden worden. Das war die sachliche Wahrheit.
Kein Körper. Keine klare Ursache. Kein Abschied. Das war die Wahrheit, die nachts wach blieb.
Aber dass er etwas gesucht hatte, von dem ihre Mutter gewusst hatte?
Das war eine andere Tür.
»Was für Dinge?«, fragte Mara.
Elin rieb mit dem Daumen über das Geschirrtuch. »Alte Messstationen. Vergessene Karten. Orte, die in keinem offiziellen Register mehr auftauchen.«
»Warum hast du mir das nie erzählt?«
»Weil du zehn warst.«
»Ich bin jetzt fünfzehn.«
»Ich weiß.«
»Offensichtlich nicht genug.«
Elin zuckte zusammen, als hätte Mara lauter gesprochen, als sie hatte.
Für einen Moment bereute Mara den Satz. Dann sah sie das Feldbuch. Die herausgeschnittenen Seiten. Den Satz.
**Wenn sie die Linie findet, darf sie nicht allein gehen.**
Das Bedauern wurde kleiner.
»Was ist die Linie?«, fragte Mara.
Elin wurde ganz still.
Das reichte.
Mara ging in die Hocke, nahm das Feldbuch und schlug die Seite auf. Sie zeigte ihrer Mutter den Satz.
Elin las ihn.
Ihre Lippen bewegten sich nicht, aber Mara hatte das Gefühl, dass sie den Satz kannte. Nicht wie jemand, der ihn zum ersten Mal sah. Sondern wie jemand, der gehofft hatte, ihn nie wieder lesen zu müssen.
»Mama.«
Elin setzte sich auf die Bettkante. Langsam. Als hätte ihr jemand das Gewicht der letzten Jahre auf die Schultern gelegt.
»Jakob glaubte, es gäbe eine Insel«, sagte sie.
Mara wartete.
»Eine alte Forschungsinsel. Nicht groß. Nicht dauerhaft bewohnt. Auf manchen Karten nur als Felsgruppe eingetragen. Auf anderen gar nicht. Er nannte sie…«
Sie brach ab.
»Wie?«, fragte Mara.
Elin sah zur Messingscheibe.
»Meridian.«
Das Wort veränderte den Raum.
Nicht sichtbar. Die Möbel blieben, wo sie waren. Die Bücher standen weiter im Regal. Der Regen kroch weiter über das Fenster.
Aber Mara spürte, wie etwas in ihr, das seit fünf Jahren in einer geschlossenen Schublade gelegen hatte, den Kopf hob.
»Die Meridian-Insel«, sagte sie leise.
Elin nickte kaum merklich.
Mara blätterte durch das Feldbuch. Plötzlich sah sie überall Hinweise, die vorher nur Linien gewesen waren. Kleine Kreise. Windpfeile. Abgebrochene Küsten. Wieder das Auge. Wieder die Windrose ohne Norden.
»War er dort?«
Elin sah weg.
»War er dort?«, wiederholte Mara.
»Ja.«
Das Wort war fast unhörbar.
Mara hatte in den letzten fünf Jahren viele Antworten erfunden. Manche waren schrecklich gewesen. Manche absurd. Sie hatte sich vorgestellt, dass ihr Vater auf einer fremden Insel lebte, ohne Erinnerung. Dass er entführt worden war. Dass er eine zweite Familie hatte. Dass er tot war und niemand es ihr sagen wollte. Dass er zurückkommen würde, wenn sie nur die richtige Karte fand.
Keine dieser Antworten hatte Platz gelassen für: Ja, deine Mutter wusste mehr.
Mara legte das Feldbuch auf den Boden.
»Du hast mich angelogen.«
Elin hob den Kopf. »Ich habe versucht, dich zu schützen.«
»Das sagen Leute immer, wenn sie nicht zugeben wollen, dass sie entschieden haben, was andere wissen dürfen.«
Stille.
Mara erschrak fast über sich selbst. Der Satz war nicht laut gewesen. Aber er war genau.
Elin presste die Lippen zusammen.
»Du hast recht«, sagte sie.
Das war schlimmer als Widerspruch.
Mara wusste für einen Augenblick nicht, wohin mit ihrer Wut, wenn niemand sie zurückwarf.
Sie wandte sich ab, nahm die Messingscheibe und hielt sie wieder ins Licht. Der goldene Strich sprang an die Wand zurück. Diesmal heller.
Elin stand auf. »Mara, leg das bitte weg.«
»Warum?«
»Weil Jakob wollte, dass diese Spur verschwindet.«
Mara drehte sich zu ihr um.
»Nein«, sagte sie. »Wenn er das gewollt hätte, hätte er die Scheibe zerstört. Hat er aber nicht. Er hat sie eingepackt, versteckt und in seinem Feldbuch einen Satz hinterlassen, der eindeutig an mich gerichtet ist.«
»Du weißt nicht, ob—«
»Doch.«
Elin atmete aus.
Der goldene Lichtstrich an der Wand begann zu flimmern.
Mara sah hin.
Nicht wegen des Flimmerns allein.
Sondern weil sich unter dem Licht etwas zeigte.
Zuerst dachte sie, es sei ein Schatten im Putz. Dann eine Unebenheit. Dann erkannte sie feine Linien, so blass, dass sie ohne das Messinglicht unsichtbar gewesen wären.
Ihre Tapete war nicht leer.
In der Wand, genau an der Stelle, auf die die Scheibe zeigte, waren winzige Markierungen verborgen. Nicht aufgemalt. Eingeritzt. Vielleicht vor Jahren. Vielleicht bevor das Zimmer neu gestrichen worden war.
Mara trat näher heran.
Elin sagte ihren Namen, aber Mara hörte nur noch den eigenen Puls.
Die Linien bildeten kein Wort.
Sie bildeten eine Küste.
Eine kleine, zerfranste Insel.
Darunter drei Zeichen.
Windrose ohne Norden.
Auge im Kreis.
Gebrochene Linie über Wasser.
Und darunter — kaum sichtbar — vier Zahlen.
Mara fuhr mit dem Finger darüber.
Die Wand fühlte sich rau an.
»Papa war hier«, sagte sie.
Elin antwortete nicht.
Mara drehte sich um.
Im Gesicht ihrer Mutter stand keine Überraschung.
Nur Verlust.
Mara verstand.
Nicht alles. Noch lange nicht alles.
Aber genug, um zu wissen, dass ihr Zimmer nicht zufällig ihr Zimmer war. Dass der Karton nicht zufällig jetzt hier stand. Dass ihr Vater vor fünf Jahren nicht nur aufgebrochen war, sondern etwas zurückgelassen hatte.
Für sie.
Mara sah auf die Zahlen an der Wand.
Dann auf die Messingscheibe.
Dann auf das Feldbuch.
Der Kompass zeigte nicht nach Norden.
Er zeigte auf eine Lüge.
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