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Die Bibliothek im Berg

Cover: Die Bibliothek im Berg

Ein spannender Abenteuerroman über ein Tal ohne Namen, einen Berg, der ein Gedächtnis hütet, und das große Finale der Meridian-Abenteuer

Deutsch Band 5 der Reihe »Die Meridian-Abenteuer« von Andreas Reis.

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Worum es geht

Sechs Jahre war Maras Vater ein Verschwundener. Dann kam ein Brief vom Ende der Welt — und vier Worte in seiner Schrift: Bis unter den Firn.

An einem Maiabend in Bremerhaven bringt die Post aus Venedig die Antwort, auf die das ganze Netz gewartet hat: In den Bergen, wo drei Länder sich die Wasser teilen, gibt es Menschen, die den Firn kennen. Ein Tal ohne Namen. Ein Schmelzfenster von wenigen Tagen im Juni. Und eine Bedingung — wer kommt, bringt ein Wort mit, das nur Mara geschrieben haben kann.

Zum letzten Mal machen sich die Seidels auf: über Grate und Gletscher zu dem Ort, den die Meridian-Abenteuer seit vier Bänden umkreisen. Denn irgendwo unter dem Firn liegt das Herz von allem — und sie sind nicht die Einzigen, die jetzt in die Berge sehen.

Das große Finale der Meridian-Abenteuer. In sich abgeschlossen.

Auf einen Blick

Reihe
Die Meridian-Abenteuer, Band 5
Umfang
365 Seiten (Taschenbuch)
Ausgaben
Kindle, Paperback
Sprache
Deutsch
Autor
Andreas Reis
Leseprobe
Kapitel 1 vollständig, kostenlos

Hörprobe: Kapitel 1 zum Anhören

Das komplette erste Kapitel, ungekürzt vorgelesen (12:03 Minuten). Die Aufnahme nutzt eine synthetische Stimme.

Leseprobe: Kapitel 1

Das erste Kapitel in voller Länge (1780 Wörter) - kostenlos lesen, ohne Anmeldung.

%% PART: Akt Eins — Die Einladung des Bergs # Die Antwort des Netzes

Der Brief aus Venedig kam an einem Maiabend, an dem das Licht so lange blieb, dass man vergaß, wie spät es war.

Mara sah ihn schon vom Flur aus. Er lehnte am Lampenfuß auf dem Küchentisch, an der Stelle, an die alle Briefe gehörten, die von weit her kamen, und über ihm hing, gerahmt, die Karte vom Ende der Welt. Elin hatte sie im Februar aufgehängt, eine Kopie der Registerseite, die sie aus dem Süden mitgebracht hatten — Tiefenlinien, Strömungspfeile, eine junge Bleistiftmarkierung bei Kap Hoorn. Eine Karte, die zurücklag und trotzdem nach vorn zeigte.

Daneben, am selben Nagel, hing nichts. Aber unter dem Küchenschrank, im Regal, stand die zweite Tasse neben Elins, seit dem Januar, und niemand stellte sie mehr weg.

Mara hängte die Jacke auf. Stellte die Tasche ab.

Der Umschlag war dick und cremefarben, das Papier teurer als Jakobs wellige Bögen, und die Marke zeigte einen Löwen mit einem Buch. Venedig. Sie kannte die Handschrift, bevor sie den Absender las: schmal, aufrecht, mit dem geraden Rücken einer Frau, die ihr Leben lang genaue Dinge notiert hatte.

Livia.

»Du hast ihn nicht aufgemacht«, sagte Mara.

Elin saß am Tisch, die Hände um eine Tasse, aus der kein Dampf mehr stieg. »Ich habe ihn zweimal in die Hand genommen«, sagte sie. »Und zweimal wieder hingestellt. Man wird nicht klüger mit den Jahren. Nur langsamer.«

»Was, wenn es nichts ist?«

»Dann ist es nichts«, sagte Elin. »Aber Livia schreibt nicht für nichts. Setz dich.«

* * *

Sie lasen ihn zusammen, wie sie alles zusammen lasen, seit dem Winter in Venedig — nebeneinander, das Blatt zwischen sich, jede die Hälfte des Lichts. Das Papier knisterte, als Mara es entfaltete. Livias Sätze standen darauf in geraden Reihen, als hätte sie den Bogen vorher mit einem Lineal blind liniert.

*Liebe Elin, liebe Mara,*

*ich habe gefragt. Ihr wisst, das Netz ist größer als mein Briefkasten. Ich habe die Frage weitergegeben, wie man einen Krug Wasser weitergibt, ohne zu verschütten, und sie ist durch mehr Hände gegangen, als ich zählen kann, und dann kam eine Antwort zurück, die ich nicht erwartet hatte.*

*Es gibt Menschen, die den Firn kennen.*

Mara las die Zeile zweimal. Beim ersten Mal hörte sie nur das eigene Blut.

Der Firn. Jakobs Wort. Es stand in seinem zweiten Feldbuch, auf der letzten beschriebenen Seite, unter einer Zeichnung, die kein Berg und keine Karte war, sondern beides: ein Profil aus grauem Fels, und in den Fels eine Tür, und unter die Tür drei Worte in seiner engen, eiligen Schrift.

*Unter dem Firn.*

Sechs Jahre hatte er gebraucht, um sie zu finden, hatte er gesagt, als er ihr das Buch in die Hand drückte, am Kiesstrand am Ende der Welt, im Morgengrauen, bevor er über den Grat gegangen war. *Passt auf sie auf.* Sie hatte das Buch die ganze Heimreise getragen wie früher das erste — nur ohne Angst.

Livia schrieb weiter.

*Es ist ein Tal in den Bergen, dort, wo drei Länder sich die Wasser teilen. Einen Namen nenne ich nicht, nicht auf Papier; das habt ihr im Süden gelernt, und es gilt in den Bergen genauso. Es gibt eine Familie, die den Weg hütet. Sie führt hinauf, wenn der Firn weich wird — wenige Tage im Juni, mehr gibt der Berg nicht her. Verpasst man sie, ist alles ein Jahr zu.*

»Ein Jahr zu«, sagte Elin leise, als läse sie ein Messergebnis, das sie nicht mochte.

Mara sagte nichts. Sie war schon bei der nächsten Zeile.

*Eine Bedingung stellen sie. Sie öffnen niemandem, den sie nicht kennen, und sie kennen euch nicht. Also bringt das Wort mit. Nicht meins, nicht Jakobs. Eures. Sie warten auf den Satz, den Mara zuletzt in ihr Feldbuch geschrieben hat. Kein Anruf, keine Adresse, kein Telegramm. Nur der Weg und das Wort.*

Mara spürte, wie ihr die Wärme in den Nacken stieg.

Sie wusste, welchen Satz Livia meinte. Sie hatte ihn im Januar geschrieben, in Bremerhaven, am selben Tisch, unter die beiden Zeilen, die schon dastanden — *Eine Karte gehört denen, die sie weitergeben* und *Er schreibt zurück* — und die Feder hatte gezittert, aber die Schrift nicht.

*Wir sind neben ihm gegangen. Jetzt gehen wir ihm entgegen.*

Sie hatte nicht gewusst, dass ein Satz reisen konnte. Dass er durch mehr Hände ging, als man zählte, bis er bei Fremden ankam, die in einem Tal auf ihn warteten wie auf ein Gesicht.

»Sie warten auf einen Satz von mir«, sagte sie. Es klang ungläubig, und sie meinte es auch so.

»Sie warten nicht auf den Satz«, sagte Elin. »Sie warten darauf, ob du ihn wirklich geschrieben hast. Das ist ein Unterschied.« Sie sah ihre Tochter an. »Man kann einen Satz stehlen. Man kann ihn nicht meinen.«

* * *

Livias Brief hatte einen letzten Absatz, kürzer als die anderen, wie ein Nachsatz, den sie fast nicht geschrieben hätte.

*Ihr wisst, was in diesem Tal liegt. Ich habe es nie gesehen. Keiner von uns hat das Herz gesehen, nur die Kammern — die Insel, die Spiegelkarte, die Wasseruhr, die Kartenschiffe. Wir haben immer nur die Kammern gehütet und geglaubt, das Herz sei eine Geschichte, die man sich erzählt, damit die Kammern einen Sinn haben. Jetzt schreibt mir jemand, dass es kein Märchen ist. Und, Elin — es schreibt mir noch jemand anderes danach. Ich habe seinen Brief nicht geöffnet. Aber er trägt das Zeichen des Kontors, das schon in Samarkand gefragt hat. Wir sind nicht die Einzigen, die jetzt in die Berge sehen.*

Elin las diesen Absatz ein zweites Mal, und Mara sah, wie sich zwischen ihren Brauen die Linie bildete, die dort immer erschien, wenn Zahlen nicht aufgingen.

»Roth«, sagte Mara.

»Vielleicht.« Elin faltete den Brief nicht wieder zusammen. Sie ließ ihn offen auf dem Tisch liegen, als sei er noch nicht zu Ende gelesen, obwohl sie beide am Ende waren. »Vielleicht auch nicht. Vielleicht sind es andere. Es sind immer andere, und es ist immer derselbe Hunger.«

Draußen war das Licht endlich gegangen. Über der Weser lag jetzt das lange, kupferne Rot, das Bremerhaven im Mai bekam, wenn der Tag sich nicht entscheiden konnte, ob er bleiben oder gehen wollte. Ein Frachter zog stromab, langsam, mit dem geduldigen Gleichmut großer Dinge.

Mara zog Jakobs zweites Feldbuch aus dem Regal. Es lag jetzt immer griffbereit, neben ihrem eigenen, neben der Peilscheibe aus dem Süden, die Kofi ihnen gelassen hatte. *Behaltet sie. Sie hat den Weg gelernt.* Sie schlug das Buch bei der letzten Seite auf, ohne suchen zu müssen. Die Tür im Fels. Die drei Worte.

Sie hatte sie hundertmal angesehen und jedes Mal für eine Sehnsucht gehalten. Eine Richtung, in die man blickte, nicht eine, in die man ging.

Jetzt war es eine Adresse.

»Es ist echt«, sagte sie. Sie hörte selbst, wie leise es war.

»Es war immer echt«, sagte Elin. »Nur zu weit weg, um wahr zu sein.«

* * *

Später holte Elin den großen Atlas.

Sie legte ihn auf den Küchentisch, neben Livias Brief und die beiden Feldbücher, und schlug die Seite mit den Bergen auf, jene doppelte Seite, auf der die Höhen in Brauntönen anstiegen und die Grenzen als dünne, gepunktete Linien liefen, so unbeteiligt, als hätte sie jemand gezogen, der nie oben gewesen war.

»Wo drei Länder sich die Wasser teilen«, sagte Elin, und ihr Finger wanderte, langsam, wie eine Frau, die eine Messreihe abtastet. Dorthin, wo drei gepunktete Linien in einem Weiß zusammenliefen, das der Atlas *Firn* nannte, ohne zu sagen, welchen. »Da irgendwo. Er hat es genau gewusst und trotzdem nur drei Worte hingeschrieben. Das ist typisch. Deine Familie schreibt gern zu wenig.«

Mara legte ihren Finger daneben.

Das Weiß fühlte sich unter der Fingerkuppe an wie das Weiß jeder Karte — glatt, kühl, nichts als Papier. Und doch war es zum ersten Mal kein Ort, an den man sich sehnte. Es war einer, an den man fuhr. In wenigen Wochen. Mit einem Satz im Gepäck, den sie selbst geschrieben hatte, und einem Vater, der irgendwo dort schon unterwegs war, über Grate, die auf keiner Karte lagen, dem gleichen Weiß entgegen.

Sie merkte, dass ihr Finger zitterte, und sie ärgerte sich darüber, und sie ließ ihn liegen.

»Ich habe Angst«, sagte sie. Es kam einfacher heraus, als sie gedacht hatte. »Nicht davor, dass er nicht kommt.«

»Ich weiß«, sagte Elin.

»Sondern davor, dass es anders ist. Dass ich sechs Jahre etwas festgehalten habe, und wenn ich die Hand aufmache, ist es —« Sie suchte das Wort und fand nur ein kleineres. »Kleiner.«

Elin nahm die Hand ihrer Tochter, die auf dem Atlas lag, und legte ihre eigene darüber, so wie sie im Süden ihre Jacke über den freien Stuhl gehängt und wieder weggenommen hatte, so wie sie die zweite Tasse neben ihre gestellt und stehen gelassen hatte.

»Weißt du, was ich in all den Jahren gelernt habe?«, sagte sie. »Nicht das Warten. Warten kann jeder. Das Schwere ist das andere. Sich vorbereiten, ohne die Hoffnung vorher kaputtzumachen. Man muss sie tragen, ohne sie totzudrücken.« Sie sah zum Fenster, zum letzten Rot über dem Wasser. »Ich schreibe mein Projekt so, dass es uns trägt. Wasserläufe, Schmelze, Hydrologie — es gibt keinen besseren Grund, im Juni in ein Hochtal zu fahren, als das Wasser zu messen. Niemand wird fragen. Und wenn doch, sage ich die Wahrheit. Ich messe wirklich.«

Mara sah auf die drei Dinge, die vor ihr auf dem Tisch lagen. Livias Brief in seinen geraden Reihen. Ihr eigenes Feldbuch mit den drei Zeilen. Und Jakobs Buch, aufgeschlagen bei einer Tür im Fels, die keine Sehnsucht mehr war.

Über ihnen, gerahmt, die Karte vom Ende der Welt, die zurücklag und nach vorn zeigte.

Und über allem, weit im Atlas, das Weiß, in dem drei Grenzen sich trafen und der Berg auf ein Wort wartete, das eine Tochter geschrieben hatte, ohne zu wissen, dass es reisen würde.

»Dann packen wir Bergschuhe«, sagte Mara.

Elin lachte, kurz, und es klang jung. »Dann packen wir Bergschuhe«, sagte sie. »Und ich rufe Kofi an. Und du« — sie tippte auf das aufgeschlagene Feldbuch — »lernst deinen Satz auswendig. Nicht die Worte. Die kannst du schon. Den Grund.«

Draußen erlosch das letzte Rot, und der Frachter war ein Licht geworden, das flussabwärts glitt, dorthin, wo das Wasser sich mit anderem Wasser mischte und keiner mehr sagen konnte, wo das eine aufhörte und das andere begann.

Irgendwo dort vorn wartete das Tal. In wenigen Wochen würde der Firn weich werden, ein paar Tage lang, mehr gab der Berg nicht her — und dann wieder zu, ob sie kamen oder nicht. Und sie waren nicht die Einzigen, die es wussten.

Mara lernte ihren Satz. Nicht die Worte. Den Grund.

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Häufige Fragen

Worum geht es in »Die Bibliothek im Berg«?

Sechs Jahre war Maras Vater ein Verschwundener. Dann kam ein Brief vom Ende der Welt — und vier Worte in seiner Schrift: Bis unter den Firn. An einem Maiabend in Bremerhaven bringt die Post aus Venedig die Antwort, auf die das ganze Netz gewartet hat: In den Bergen, wo drei Länder sich die Wasser teilen, gibt es Mensch

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»Die Bibliothek im Berg« ist ein Buch von Andreas Reis.

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An welcher Stelle der Reihe steht »Die Bibliothek im Berg«?

Es ist Band 5 der Reihe »Die Meridian-Abenteuer«.

Gibt es eine Leseprobe zu »Die Bibliothek im Berg«?

Ja. Das komplette erste Kapitel »Kapitel 1« steht hier kostenlos zum Lesen und als Hörprobe zum Anhören.

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