
Ein spannender Abenteuerroman über ein Archiv unter Wasser, eine Stadt, die ihre Zeit verliert, und einen Brief vom Ende der Welt
Deutsch Band 3 der Reihe »Die Meridian-Abenteuer« von Andreas Reis.
Manche Briefe kann man nicht liegen lassen.
Der Hilferuf, der Mara Seidel mitten im Dezember erreicht, kommt aus Venedig und ist von einem Jungen geschrieben, den sie nie getroffen hat: Unter einem kleinen Campo liegt ein Archiv, das mit den Gezeiten atmet — und seine Uhr verliert die Zeit. Die letzte Hüterin will es nicht retten. Sie will es begraben.
Und dann steht da noch ein Satz, wegen dem Mara den Zug nimmt, den Winter ignoriert und die Lagune betritt: Jakob Seidel war hier.
Zusammen mit Tom und der Archivarin Greta Mohn taucht Mara ein in ein Venedig, das die Touristen nie sehen — leere Gassen im Nebel, Werkstätten, in denen Papier gebadet wird, ein Brunnen, der zur falschen Zeit singt. Und eine alte Uhrmacherin, deren Härte einen Grund hat, der Mara näher geht, als ihr lieb ist.
Denn manche Häuser sterben nicht am Wasser. Sie sterben daran, dass niemand mehr auf sie hört.
Das komplette erste Kapitel, ungekürzt vorgelesen (15:20 Minuten). Die Aufnahme nutzt eine synthetische Stimme.
Das erste Kapitel in voller Länge (2224 Wörter) - kostenlos lesen, ohne Anmeldung.
%% PART: Akt Eins — Der Brief aus der Lagune # Nachtwasser
Die Bahnhofstreppe endete im Wasser.
Mara stand auf der obersten Stufe, den Rucksack an einer Schulter, und sah zu, wie die Lichter der Stadt auf dem schwarzen Kanal lagen — lang gezogen, zitternd, wie ausgelegte Karten, die jemand vergessen hatte einzusammeln. Hinter ihr rollte der Nachtzug aus der Halle, ein müdes, metallisches Seufzen, dann war das Geräusch fort, und was blieb, hatte sie so noch nie gehört.
Eine Stadt ohne Autos.
Wasser, das an Stein schmatzte. Schritte, irgendwo. Eine Glocke, weit weg, die zweimal anschlug und es sich dann anders überlegte.
»Das«, sagte Tom neben ihr, »ist die falscheste Straße, die ich je gesehen habe.« Er sagte es leise, wie man in einer Kirche spricht, und er meinte es als Kompliment.
Greta Mohn kam als Letzte die Stufen herunter, die Archivarin aus Drennwick, in einem Wintermantel, der älter war als Mara, und mit einem Rollkoffer, dessen Räder auf dem nassen Stein ein empörtes Geräusch machten. Sie blieb zwei Stufen über dem Wasser stehen und sah es lange an.
»Erstens«, sagte sie, »das ist der Canal Grande. Zweitens: Ich bin sechsundsechzig Jahre alt und zum ersten Mal hier. Drittens —« Sie brach ab. Ihre Hand lag auf dem Koffergriff, als müsste sie sich festhalten. »Drittens ist mir gerade eingefallen, dass ich seit vierzig Jahren Bilder von dieser Stadt katalogisiere und kein einziges davon stimmt.«
»Zu klein?«, fragte Tom.
»Zu leise«, sagte Greta. »Auf Bildern hört man nichts.«
Mara sagte nichts. Sie suchte die Anlegestelle ab, die Reihe der vertäuten Boote, die Gestalten unter der Laterne. Der Brief in ihrer Innentasche war an den Falzstellen schon weich geworden, so oft hatte sie ihn herausgenommen, und sie hätte nicht sagen können, was sie zu finden hoffte: einen Jungen, den sie nie gesehen hatte. In einer Stadt, die sie nicht kannte. Wegen eines Satzes, den sie auswendig konnte.
»Da«, sagte Tom.
Am Ende des Anlegers, wo das Laternenlicht schon fast aufgab, stand ein Junge in einer viel zu großen Öljacke und hielt ein Stück Pappe hoch. Darauf stand, in großen, entschlossenen Buchstaben:
FAMILIE SEIDL
»Fast«, sagte Tom. »Näher dran als die meisten Lehrer.«
Der Junge hatte sie im selben Moment entdeckt. Er riss die Pappe herunter, winkte damit, als wollte er ein Flugzeug einweisen, und noch bevor sie die halbe Strecke gegangen waren, redete er schon.
»Ihr seid es. Ich wusste es. Ich habe zu Paola gesagt: Der Zug hat zwanzig Minuten Verspätung, aber sie kommen, die Deutschen sind pünktlich, auch wenn sie zu spät sind.« Er blieb vor ihnen stehen, plötzlich, und der Redefluss riss für eine Sekunde ab. Er war kleiner als Mara und vielleicht ein Jahr jünger, das Gesicht schmal unter einer Wollmütze, und seine Augen gingen von einem zum anderen und blieben an Mara hängen. Genauer: an der Stelle, wo unter ihrer Jacke die Kette mit der Glasmarke lag. Sehen konnte er sie nicht.
»Du bist die mit der Marke«, sagte er.
»Mara«, sagte Mara.
»Matteo.« Er streckte die Hand aus, sehr förmlich, und schüttelte ihre, einmal, fest. »Matteo Trevisan. Ich habe geschrieben den Brief.« Er verbesserte sich, ohne Pause: »Den Brief geschrieben habe. Habe ich.« Er winkte ab. »Deutsch ist wie rudern gegen Wind. Kommt ihr. Das Boot liegt da hinten. Da, wo es nicht liegen darf.«
* * *
Das Boot war lang und flach und dunkel, eine Batela, sagte Matteo, das Wort wie einen Namen aussprechend, und er sagte auch, sie sei älter als seine Großmutter und niemand außer ihm dürfe das laut sagen. Das Gepäck verschwand unter einer Plane im Bug. Greta bekam den einzigen Sitz mit Lehne, Mara und Tom die Mittelbank, und Matteo stellte sich hinten hin, ein Ruder in beiden Händen, und stieß ab, mit einer einzigen Bewegung, die aussah wie etwas, das man nicht lernen kann, nur erben.
Sie glitten aus dem Lichtkreis des Bahnhofs in einen Seitenkanal, und die Stadt machte sich über ihnen zu.
Häuser, die direkt aus dem Wasser wuchsen. Fensterläden, geschlossen wie Augen. Wäscheleinen zwischen den Wänden, leer im Dezember, und über einer Brüstung eine Lichterkette, die müde blinkte, als hätte ihr niemand gesagt, dass Weihnachten schon vorbei war mit dem Warten.
Es roch nach Salz und nach Stein und nach etwas Drittem, das Mara nicht kannte. Brackig, alt, nicht schlecht. Wie ein Keller, der träumt.
»Rechts jetzt die Calle, da wohnt der Bäcker, der schreit im Schlaf, alle wissen es, keiner sagt es«, erzählte Matteo vom Heck, das Rudern schien seinen Mund anzutreiben. »Links das Haus, da hat gewohnt ein Amiral. Admiral. Vor zweihundert Jahren. Sein Geist ist nicht da, aber die Touristen zahlen für ihn trotzdem.« Er zeigte mit dem Kinn, die Hände blieben am Ruder. »Und da vorne, wo das Wasser schwarz wird — noch schwärzer —, da fangen die kleinen Rii an. Meine Straßen.«
»Deine?«, fragte Tom.
»Meine. Die großen gehören den Vaporetti und den Taxis. Die kleinen gehören denen, die rudern.« Er grinste, das erste Mal. »Also mir und drei alten Männern.«
Tom lachte, und das Lachen blieb zwischen den Häuserwänden hängen wie etwas Warmes.
Mara saß still und ließ die Stadt an sich vorbeiziehen.
Sie hatte sich unterwegs im Zug vorgestellt, wie es sein würde. Sie hatte es sich falsch vorgestellt. In ihrer Vorstellung war Venedig eine Kulisse gewesen, Brücken und Kuppeln, so wie auf der Briefmarke, die Kofi im Herbst in die Kamera gehalten hatte — Kofi, Nilas Onkel, weit draußen auf der Insel im Atlantik, mit dem letzten Heft von Nilas Großmutter in den Händen. Eine Stadt aus Wasser, hatte Mara gedacht, gut, sie kannte Wasser.
Aber das hier war anders. Das hier war kein Ort am Wasser. Das hier war ein Ort, der mit dem Wasser einen sehr alten Vertrag hatte, und man hörte beim Hindurchfahren, wie beide Seiten ihn einhielten. Jede Welle eine Unterschrift.
Nila hätte das verstanden, sofort, ohne ein Wort.
Aber Nila war nicht da.
Nila saß auf der Insel, dreitausend Kilometer westlich, Schule und Heimat-Archiv, und ihr letzter Satz am Telefon war gewesen: »Wehe, du erlebst was Großes ohne mich.« Trocken, wie Nila alles sagte. Es hatte trotzdem wehgetan.
Und Elin war in Bremerhaven, mitten in einer Projektfahrt, und hatte ihre Tochter zum ersten Mal ohne sich reisen lassen. Am Bahnsteig hatte sie Mara einen Moment zu lange festgehalten und dann losgelassen, beides mit Absicht, und gesagt: »Ruf an. Nicht, weil du musst.«
Mara zog die Jacke enger. Unter dem Stoff, an der Kette, lagen die beiden Glasmarken übereinander — die alte, die aus dem Brief ihres Vaters, mit den trüb getragenen Kanten, und die neue, klare, die Dilnoza ihr am Flughafen von Samarkand in die Hand gedrückt hatte, ohne ein Wort und mit einem Blick, der alles sagte. Zwei Marken, gleiche Handschrift, sechzig Jahre auseinander. Wenn Mara sich bewegte, berührten sie sich mit einem winzigen, hellen Klicken, das nur sie hören konnte.
Wegen Dilnoza war sie hier.
Genauer: wegen eines Umschlags, der vor elf Tagen in Bremerhaven angekommen war, abgestempelt in Samarkand, und in dem ein zweiter Umschlag gesteckt hatte, schmaler, mit italienischer Marke und einer Handschrift, die aussah, als wäre sie gerannt. Dazu eine Notiz von Dilnoza, drei Zeilen: **Der kam an die Werkstatt. Für »die mit dem Glas«. Wir glauben, das bist du.**
Der schmale Umschlag war an keinen Namen adressiert gewesen. Nur: An die Werkstatt der Hüter, Samarkand — und darunter, kleiner: für die mit der Marke, wenn es sie gibt.
Mara hatte ihn am Küchentisch geöffnet, Elin gegenüber, und den Brief zweimal gelesen, einmal für sich und einmal laut.
Das meiste war eine Mischung aus Deutsch und Englisch und Mut. Ein Junge aus Venedig, der schrieb, wie andere Leute rennen: zu schnell, in Sprüngen, ohne sich umzudrehen. Aber vier Sätze darin waren langsam geschrieben, in Druckbuchstaben, als hätte er für sie alle Kraft zusammengenommen. Mara kannte sie auswendig, längst:
**Die Uhr verliert. Nonna sagt: lass sie. Jakob Seidel hat gesagt: die mit der Marke kommen. Bitte kommt vor der großen Tide.**
Jakob Seidel hat gesagt.
Hat gesagt. Zu jemandem. In einem Ort mit Namen und Adresse, zu einem Jungen mit einer zu großen Öljacke, der jetzt fünf Schritte hinter ihr stand und ruderte.
Ihr Vater war seit über fünf Jahren verschwunden. Es gab Briefe, es gab Zeichen, es gab eine Skizze in seiner Schrift, eingeklebt in ein Feldbuch, das in Maras Rucksack durch halb Europa gereist war. Aber es gab seit Jahren keinen Menschen mehr, der sagte: Ich habe mit ihm geredet.
Bis jetzt.
»Du bist still«, sagte Matteo vom Heck. Es klang nicht vorwurfsvoll. Es klang, als hätte er nachgedacht, ob er es sagen darf. »Die Leute sind still, wenn die Stadt sie das erste Mal hat. Das ist normal. Toll sagen sie dann später.«
»Matteo«, sagte Mara, ohne sich umzudrehen. »Der Satz in deinem Brief.«
Das Ruder setzte aus. Nur einen Schlag lang. Dann tauchte es wieder ein, leiser als vorher.
»Nicht heute Nacht«, sagte Matteo, und sein Deutsch war auf einmal sehr genau, als hätte er diesen einen Satz geübt. »Heute Nacht bringe ich euch an. Morgen zeige ich euch alles. Versprochen ist versprochen.« Und dann, weil er offenbar nicht anders konnte, fügte er hinzu: »Er hat hier gesessen. Wo du sitzt. Genau da.«
Mara sah auf die schwarze Holzbank unter ihren Händen.
Das Holz war kalt und feucht und glatt, von tausend Händen, tausend Wintern.
Sie ließ die Hände liegen.
* * *
Die Werkstatt für Papierrettung lag in einem Viertel, das Matteo Castello nannte, am Ende einer Gasse, die so schmal war, dass Gretas Rollkoffer beide Wände gleichzeitig beleidigte. Über der Tür hing ein handgemaltes Schild, Papier und Wellen, und dahinter war noch Licht.
Paola Rizzo war eine Frau um die fünfzig mit den Unterarmen einer Ruderin und einer Lesebrille im Haar, und sie begrüßte Greta, als würden sie sich seit Jahren Briefe schreiben — was, wie sich herausstellte, stimmte. »Die Kollegin aus Drennwick«, sagte sie, und Greta sagte: »Die Kollegin aus Venedig«, und damit war zwischen den beiden alles Wichtige geklärt.
Drinnen roch es nach Leim, nach altem Papier und nach Kaffee, der zu lange gewartet hatte. An Leinen unter der Decke hingen Bögen zum Trocknen, grau und wellig wie müde Segel. Auf einem langen Tisch lag ein aufgeschlagenes Buch, dessen Seiten aussahen, als hätte man sie aus einem Fluss gezogen — was, sagte Paola beiläufig, ungefähr stimmte.
»Ihr rettet Bücher«, sagte Tom. Er stand vor dem Tisch und hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt, freiwillig, ohne dass es ihm jemand gesagt hatte.
»Wir retten, was Wasser erwischt hat«, sagte Paola. »In dieser Stadt ist das ein Beruf mit Zukunft.« Sie sagte es leicht, aber nicht ganz.
Das Gästezimmer lag oben unter dem Dach: zwei Betten, eine Matratze, ein Feldbett mit Geschichte, ein Fenster auf den Kanal. Matteo verabschiedete sich unten an der Tür, rückwärts, redend, mit drei verschiedenen Versionen von bis morgen, und war dann sehr plötzlich weg, wie ein Licht, das man ausmacht.
Um halb eins lag das Haus still.
Mara lag auf dem Bett am Fenster und hörte dem Kanal zu. Wasser hat Stimmen, das wusste sie von zu Hause, vom Hafen, von der Insel. Aber dieses hier sprach anders. Kein Rauschen, kein Schlagen. Ein Schmatzen und Flüstern an Stein, geduldig, unaufhörlich, wie eine sehr alte Unterhaltung, bei der es auf kein einzelnes Wort mehr ankam.
Tom schlief, das konnte man hören. Greta schlief nicht, das konnte man auch hören: Ab und zu blätterte etwas.
Mara knipste die kleine Lampe an, setzte sich auf und zog den Brief aus der Innentasche der Jacke, die über dem Stuhl hing.
Sie las ihn nicht. Sie faltete ihn nur auf und sah ihn an, die gerannte Schrift, die vier langsamen Sätze, und dann faltete sie ihn wieder zusammen, so wie man ein Foto umdreht, wenn man weiterarbeiten muss.
Die Uhr verliert, dachte sie. Was für eine Uhr verliert man an eine Stadt aus Wasser?
Sie dachte an das Feldbuch im Rucksack. An die Skizze auf der Seite neben ihrer eigenen Zeile: Räder, die ineinandergriffen, gezeichnet von einer Hand, die sie vermisste. Sie dachte an Elins Stimme am Bahnsteig und an Nilas Satz und an den leeren Platz auf der Mittelbank der Batela, wo eine vierte Person gesessen hätte, wenn die Welt richtig sortiert wäre.
Und sie dachte: Er hat hier gesessen. Wo du sitzt.
Die Lampe klickte aus.
Draußen zog ein spätes Boot vorbei, irgendwo, das Tuckern kam näher und verlor sich wieder, und danach war die Stille noch einmal tiefer als vorher. Mara lag mit offenen Augen und ließ die Dunkelheit größer werden, und gerade, als der Schlaf sie am Ärmel zog, hörte sie es.
Drei Töne.
Kurz, hell, metallisch. Nicht Glocken — dafür zu klein, zu nah am Boden, als kämen sie nicht vom Himmel über der Stadt, sondern von irgendwo darunter. Drei kurze Töne, in einem Abstand, der kein Zufall war, und dann nichts mehr.
Mara hielt den Atem an und wartete.
Das Wasser schmatzte an Stein.
Sonst nichts.
Vielleicht ein Werkstattgeräusch, dachte sie. Ein Rollladen. Ein Boot, das gegen einen Pfahl geht, dreimal, im Takt der Wellen.
Sie glaubte es selbst nicht.
Sie drehte sich zum Fenster und sah in die Dunkelheit über dem Kanal, und ihre Hand fand, ohne dass sie es ihr aufgetragen hätte, die Kette mit den beiden Marken.
Irgendwo in dieser Stadt hatte etwas geschlagen, drei Mal, zu leise für alle, die nicht zuhörten.
Mara hörte zu.
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Es ist Band 3 der Reihe »Die Meridian-Abenteuer«.
Ja. Das komplette erste Kapitel »Kapitel 1« steht hier kostenlos zum Lesen und als Hörprobe zum Anhören.
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