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Der Schatten von Kap Hoorn

Cover: Der Schatten von Kap Hoorn

Ein spannender Abenteuerroman über eine Route, die auf keiner Karte liegt, einen Verräter an Bord und ein Wiedersehen am Ende der Welt

Deutsch Band 4 der Reihe »Die Meridian-Abenteuer« von Andreas Reis.

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Worum es geht

Sechs Briefe in einem Jahr. Und dann der eine, der alles erklärt.

Seit Mara Seidel denken kann, ist ihr Vater ein Verschwundener. Jetzt schreibt er ihr, warum: Wer sein Wissen jagt, beobachtet seine Familie — und der einzige Ort, an dem man sich treffen kann, ist einer, den nur das Wasser kennt. Eine Bucht hinter Kap Hoorn, in der vor hundert Jahren die Kartenschiffe wendeten.

Mit ihrer Mutter, Tom und Nila reist Mara ans Ende der Welt: ein kleines Forschungsschiff, eine wortkarge Kapitänin, ein alter Lotse, der die geheime Route als Kinderlied kennt — sieben Zeichen aus Strömung, Kelp, Vögeln und Sternen, die auf keiner Karte stehen.

Doch je weiter die »Marisol« nach Süden kommt, desto öfter taucht im Kielwasser ein Schatten auf, der ihren Weg nicht erraten kann. Er muss ihn lesen. Irgendjemand an Bord erzählt ihm davon.

Denn das Wasser erzählt. Die meisten hören nur Wetter.

Auf einen Blick

Reihe
Die Meridian-Abenteuer, Band 4
Umfang
368 Seiten (Taschenbuch)
Ausgaben
Kindle, Paperback
Sprache
Deutsch
Autor
Andreas Reis
Leseprobe
Kapitel 1 vollständig, kostenlos

Hörprobe: Kapitel 1 zum Anhören

Das komplette erste Kapitel, ungekürzt vorgelesen (12:59 Minuten). Die Aufnahme nutzt eine synthetische Stimme.

Leseprobe: Kapitel 1

Das erste Kapitel in voller Länge (1921 Wörter) - kostenlos lesen, ohne Anmeldung.

%% PART: Akt Eins — Das Jahr der Briefe # Der sechste Brief

Der Umschlag lehnte am Lampenfuß, als Mara aus der Schule kam.

Elin musste ihn dort hingestellt haben, an die Stelle, an die sie beide Umschläge stellten, seit es Umschläge gab, die dorthin gehörten. Das Licht der Schreibtischlampe fiel schräg auf die Briefmarke — Berge, Wasser, ein Himmel in Farben, die es im Dezember hier nicht gab —, und der Stempel war so blass, als hätte das Meer unterwegs versucht, ihn zurückzunehmen.

Mara stand in der Zimmertür, die Jacke noch an, die Tasche noch über der Schulter.

Der sechste.

Sie hatte gelernt, diese Momente nicht mehr zu verschlingen. Im Februar, beim ersten Brief, hatte sie den Umschlag aufgerissen, noch im Treppenhaus, mit kalten Fingern, und hinterher hatte sie tagelang das Gefühl gehabt, etwas falsch gemacht zu haben — nicht am Brief, an sich selbst. Seitdem gab es eine Ordnung. Die Ordnung hieß: warten, bis alle da sind, die dazugehören.

Sie hängte die Jacke auf. Stellte die Tasche ab. Ging in die Küche, wo der Wasserkocher schon warm war, und Elin am Tisch saß und so tat, als läse sie Projektunterlagen.

»Du hast ihn nicht angefasst«, sagte Mara.

»Ich habe ihn angefasst«, sagte Elin. »Ich habe ihn sogar gegen das Licht gehalten. Dann habe ich mich geschämt und ihn an die Lampe gestellt.«

»Zwei Tage vor Abflug.«

»Er wusste, dass er knapp wird.« Elin schob die Unterlagen zusammen. »Hol ihn.«

* * *

Sie lasen ihn am Küchentisch, wie immer. Der Umschlag gab an der Falzkante nach, das Papier darin war zweimal gefaltet und fühlte sich an wie alle seine Briefe: ein bisschen wellig, als wäre es nie ganz trocken gewesen, beschrieben mit einer Schrift, die klein und gedrängt war und nach rechts kippte, als hätten die Buchstaben es eilig.

Sechs Briefe in einem Jahr.

Das klang nach wenig, wenn man es sagte. Es war das Größte, was Mara je besessen hatte. Jeder Brief brauchte Wochen — er reiste über Wege, die Jakob nie erklärte, über das Netz, über Häfen und Hände, und was ankam, war karg und warm darunter und immer zu kurz. Man lernte, mit wenig Sätzen viel zu leben. Man lernte, dass »Ich habe eine Dolle repariert, die keiner mehr reparieren wollte« ein ganzer Monat war, wenn man es richtig las.

Dieser Brief war anders.

Mara merkte es an der ersten Zeile, die keine Anrede war, sondern ein Satz, der aussah, als hätte er lange in einem Mann gewohnt, bevor er auf Papier durfte.

Ich muss euch erklären, was ich sechs Jahre lang nicht erklärt habe.

Elin legte die Hand flach auf den Tisch. Es war eine kleine Bewegung. Der Tisch trug sie mit.

Sie lasen still, nebeneinander, und Mara las die Sätze zweimal, weil sie beim ersten Mal nur hörte, wie ihr eigenes Blut lauter wurde.

Es stand da, endlich, in seiner engen Schrift. Warum keine Anrufe. Warum keine Adressen. Warum der Vater, der ihr das Kartenlesen beigebracht hatte, sechs Jahre lang auf keiner Karte zu finden gewesen war. Die, die das Wissen des Netzes jagten — er nannte keine Namen, er nannte sie nur die, die nie aufgehört haben zu fragen —, hatten früh begriffen, dass man einen Mann nicht suchen muss, wenn man seine Familie beobachten kann.

Sie lesen jeden Weg zu euch, schrieb er. Der einzige Ort, an dem wir uns treffen können, ist einer, den nur das Wasser kennt.

»Die Bucht«, sagte Mara leise.

Elin nickte, ohne aufzusehen.

Die Bucht, in der die Kartenschiffe wendeten. Die stille Bucht hinter dem Kap, das am Ende aller Linien lag — der Bleistiftpunkt auf der Registerseite, die seit einem Jahr gerahmt über diesem Küchentisch hing. Elin hatte sie rahmen lassen, im Frühjahr, kommentarlos. Es war die Sorte Bild, bei der Gäste fragten, ob das Kunst sei, und Mara dann sagte: nein, Familie.

Der Brief wurde praktisch, wie Jakob praktisch wurde, wenn es ernst war. Kein Datum, schrieb er, Daten könne man abfangen, Daten seien Versprechen an die Falschen. Ein Fenster: wenn das Jahr wechselt. Ein Weg: der, den das Lied kennt — sie würden verstehen, was das hieß, wenn sie erst dort unten waren, bei denen, die es noch singen konnten. Und eine Regel, die er zweimal unterstrichen hatte, das einzige Mal in sechs Briefen, dass er irgendetwas unterstrich:

Wer sauber ankommt, dem ist niemand gefolgt.

Und darunter, kleiner:

Wenn ihr euch beobachtet fühlt: dreht um. Ich warte nicht auf ein Datum. Ich warte auf euch.

Mara saß sehr still.

Draußen fuhr ein Auto durch den Schneematsch, das Geräusch kam und ging, und in der Küche stand die Wärme des Wasserkochers, den keiner bedient hatte.

»Er sagt es«, sagte Mara schließlich. »Er sagt es wirklich. Nach sechs Jahren.«

»Er sagt es, weil wir kommen«, sagte Elin. »Vorher wäre es nur eine Last gewesen. Jetzt ist es eine Anleitung.« Sie stand auf, goss Wasser über den Tee, der längst bereitstand, und ihre Hände machten das sehr ordentlich, so ordentlich, wie Hände Dinge machen, wenn der Rest des Menschen woanders ist. »Das ist seine Art zu sagen: Es ist ernst, und ich traue euch.«

»Du klingst wie Greta.«

»Ich habe von Greta gelernt, in Listen zu denken. Es hilft.« Elin stellte die Kanne auf den Tisch. »Erstens: Er lebt, und er wartet. Zweitens: Er hat einen Grund, der sechs Jahre trägt. Drittens —« Sie hielt inne, und für einen Moment war die Liste zu Ende, bevor sie zu Ende war. Dann sagte sie es doch: »Drittens fliegen wir in zwei Tagen.«

* * *

Die Wohnung war seit Wochen keine Wohnung mehr, sondern ein Basislager.

Im Flur standen die Kisten mit den Messgeräten, beschriftet in Elins Institut-Schrift, daneben die Seesäcke, die Tom organisiert hatte — »aus Beständen«, hatte er gesagt, und niemand hatte nachgefragt, weil Onkel Bernds Werkstatt Bestände hatte wie andere Leute Verwandte. Auf dem Wohnzimmertisch lag seit November die große Karte des Südens, und an ihrem Rand klebten Zettel: Gretas Zettel (nummeriert), Toms Zettel (technisch), Nilas Zettel (kurz), Maras Zettel (zu viele).

Es war Elins Projekt, offiziell.

Das Schöne daran war: Es stimmte sogar. Irgendwann im Frühjahr hatte Elin einen Antrag geschrieben — historische Logbücher der Vermessungsschiffe gegen heutige Strömungsdaten, alte Beobachtungen als Klima-Archiv. Es war gute Wissenschaft. Es war ihre Wissenschaft. Dass die Logbücher von den Kartenschiffen stammten und die Route der Messfahrt einer Linie folgte, die auf keiner Behördenkarte lag, stand in keinem Antrag, und es log auch niemand: Man maß, wo die Alten gemessen hatten. Dass die Alten Gründe gehabt hatten, genau dort zu messen, war Familiengeschichte.

»Wir verstecken uns nicht«, hatte Elin im Sommer gesagt, als der Plan Form annahm. »Wir sind sichtbar. Sichtbar ist besser als heimlich — heimlich kann man verfolgen. Sichtbar kann man nur begleiten.«

Mara hatte erst Monate später verstanden, wie viel Jakob in diesem Satz steckte. Die beiden hatten nie miteinander telefoniert, nicht einmal jetzt. Aber sie dachten aufeinander zu, über zwanzigtausend Kilometer, wie zwei Leute, die dasselbe Werkzeug halten.

Am Abend kam der Rest der Familie, die keine war und doch eine: Tom mit einer Kiste, auf der VORSICHT GLAS stand und in der es metallisch klang, Nila mit dem Fährgeruch noch in der Jacke, direkt von der Insel. Sie hatten den Brief nicht gelesen, und sie mussten ihn lesen, das war die Ordnung — der sechste Brief gehörte allen, die mitflogen.

Nila las langsam. Tom las zweimal.

»Dreht um«, sagte Tom schließlich und tippte auf die Zeile. »Er schreibt uns eine Abbruchbedingung. Das ist —« Er suchte nach dem Wort und fand ein Tom-Wort: »Das ist sauberes Ingenieurwesen. Wer eine Rückzugslinie definiert, meint es ernst mit dem Ziel.«

»Er meint es ernst mit uns«, sagte Nila. Sie hatte den Brief noch in der Hand und sah auf die letzte Zeile. »Ich warte auf euch. Nicht: auf dich.« Sie sah zu Mara. »Euch. Er weiß, dass wir alle kommen.«

»Er kennt euch aus einem Jahr Briefen«, sagte Mara. »Ich habe von euch geschrieben. Ständig. Er hat einmal zurückgefragt, ob Tom eigentlich weiß, dass man Werkzeug auch weglegen kann.«

»Verleumdung«, sagte Tom und legte den Zollstock weg, den er die ganze Zeit in der Hand gehabt hatte.

Es tat gut, dass jemand lachte. Es war das richtige Lachen — das kleine, das nicht übertönt, sondern trägt.

* * *

Später, als Tom und Nila gegangen waren und die Wohnung wieder still wurde, stand Mara lange in ihrem Zimmer und packte nichts.

Der Rucksack lehnte fertig an der Wand. Er war seit Tagen fertig. Was hineingehörte, wusste sie auswendig, sie hatte es dreimal geprüft, und trotzdem ging sie die Liste noch einmal durch, mit den Augen, aus dem Stehen: das Feldbuch, in Wachstuch geschlagen. Die Registerseite in ihrer Mappe — die echte; die gerahmte in der Küche war eine Kopie, das Original reiste mit, das war nie eine Frage gewesen. Die beiden Glasmarken an der Kette, die sie trug und nicht packte. Und ganz oben, mit einem Wollfaden gebunden, das Bündel.

Sechs Briefe. Ab heute sieben — nein: Der sechste kam zu den anderen, wenn alle ihn gelesen hatten, so war die Ordnung, und alle hatten.

Sie holte ihn aus der Küche, wo er neben der Teekanne lag, und Elin stand am Fenster und telefonierte leise mit Greta — Listen, Übergaben, wer welchen Schlüssel bekam. Auf dem Rückweg blieb Mara einen Moment im Flur stehen.

Der Küchentisch. Vier Stühle.

Fünf Jahre lang war einer davon leer gewesen wie ein ausgeschnittenes Stück Welt. Seit einem Jahr war er nur noch frei. Der Unterschied war nicht zu sehen, wenn man ihn nicht kannte. Er war trotzdem der größte Unterschied, den Mara je erlebt hatte.

In dreizehn Tagen, dachte sie, sitzt du vielleicht auf einem Stein am Ende der Welt, und dir gegenüber sitzt ein Mann, den du sechs Jahre lang auswendig gelernt hast, und du wirst herausfinden, ob du die richtige Ausgabe gelernt hast.

Der Gedanke hatte Zähne. Sie ließ ihn zu. Auch das hatte sie gelernt, in Venedig, im letzten Winter: Gedanken mit Zähnen werden zahmer, wenn man sie ansieht.

In ihrem Zimmer band sie den Wollfaden auf, legte den sechsten Brief zu den fünf anderen und band das Bündel wieder zu. Es war ein bisschen dicker geworden. Ein Jahr, gebunden mit einem Faden.

Dann setzte sie sich an den Schreibtisch und schlug das Feldbuch auf, an der Stelle, an der es sich von selbst aufschlug: die Seite mit der eingeklebten Uhrwerk-Skizze und den zwei Zeilen in ihrer eigenen Schrift.

Eine Karte gehört denen, die sie weitergeben.

Er schreibt zurück.

Darunter war Platz.

Mara nahm den Stift nicht. Noch nicht. Die dritte Zeile gab es schon, irgendwo — sie spürte sie manchmal, abends, wie man ein Wort spürt, das einem nicht einfällt und das doch schon im Mund wohnt. Aber Zeilen ins Feldbuch schrieb man nicht auf Vorrat. Man schrieb sie, wenn sie wahr geworden waren.

Draußen hatte es wieder angefangen zu schneien, nass und halbherzig, Bremerhavener Dezember-Schnee, der morgen grau sein würde. Zwanzigtausend Kilometer südlich war jetzt Hochsommer. Dort ging um diese Zeit die Sonne unter, spät und lang, über einem Wasser, das größer war als alles, was Mara je gesehen hatte, und irgendwo an diesem Wasser saß vielleicht ein Mann in einer Hütte und rechnete nicht in Tagen.

Ich warte nicht auf ein Datum. Ich warte auf euch.

Mara knipste die Lampe aus.

Im Dunkeln, an der Wand, stand der fertige Rucksack, ein Jahr mit einem Wollfaden gebunden ganz oben darin. In zwei Tagen begann der Weg nach Süden — an dessen Ende ein Mann nicht auf ein Datum wartete, sondern auf ein Segel am Horizont.

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Häufige Fragen

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»Der Schatten von Kap Hoorn« ist ein Buch von Andreas Reis.

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An welcher Stelle der Reihe steht »Der Schatten von Kap Hoorn«?

Es ist Band 4 der Reihe »Die Meridian-Abenteuer«.

Gibt es eine Leseprobe zu »Der Schatten von Kap Hoorn«?

Ja. Das komplette erste Kapitel »Kapitel 1« steht hier kostenlos zum Lesen und als Hörprobe zum Anhören.

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