
Ein Nordsee-Roman über einen Neuanfang, 112 Strandkörbe und die Kunst, sich helfen zu lassen
Deutsch Band 1 der Reihe »Die Strandkorbwerkstatt auf Fehnholm« von Andreas Reis.
Manchmal erbt man kein Haus. Manchmal erbt man einen Sommer.
Als ihre Hamburger Tischlerei an der dritten Mieterhöhung zerbricht, erreicht Marit Feddersen ein Brief, der keinen Sinn ergibt: Alma Brodersen, die alte Strandkorbmacherin der kleinen Nordseeinsel Fehnholm, hat ihr die Werkstatt vererbt — einer Frau, die sie ein einziges Mal im Leben getroffen hat. Die Begründung im Testament ist ein einziger Satz: Vererbt an die, die repariert, statt wegzuwerfen.
Mit ihrer Tochter Lene und einem Möbelwagen voller Werkzeug setzt Marit über. Was sie vorfindet: eine windschiefe Bootshalle, 112 nummerierte Strandkörbe voller Geschichten, ein Dorf, das erst prüft und dann trägt — und eine Großnichte, die das Erbe anficht und dafür ihre Gründe hat.
Zwischen Hobelbank und Deich, zwischen einem wortkargen Bootsbauer und einem Saisonstart, der näher rückt als das Geld, entdeckt Marit, dass man ein Leben reparieren kann wie einen Stuhl: mit Geduld, mit Leim — und mit den richtigen Händen.
Nur über Korb Nummer null spricht auf Fehnholm niemand.
Das komplette erste Kapitel, ungekürzt vorgelesen (12:34 Minuten). Die Aufnahme nutzt eine synthetische Stimme.
Das erste Kapitel in voller Länge (1789 Wörter) - kostenlos lesen, ohne Anmeldung.
%% PART: Erster Teil — Die Erbin # Die Überfahrt
Der Möbelwagen stand unter Deck wie ein Tier im Stall, festgezurrt an vier Ösen, und Marit Feddersen stand daneben und hielt einen Kaffeebecher fest, als könnte der davonfliegen.
Der Becher war aus der Werkstatt. Weißes Steingut, ein Sprung im Henkel, den sie vor Jahren mit Zwei-Komponenten-Kleber geflickt hatte, weil man Dinge nicht wegwarf, nur weil sie einen Riss hatten. Auf der Seite stand in verblasster Schrift Feddersen Holz & Hand. Den Schriftzug gab es nicht mehr. Die Werkstatt gab es nicht mehr. Den Becher gab es noch.
Man musste nehmen, was blieb.
»Mama.« Lene zog an ihrem Ärmel. »Man darf hier oben stehen. Der Mann hat es erlaubt. Man sieht schon was.«
Der Mann war der Fährmann, und was man sah, war zunächst einmal Wasser. Marit folgte ihrer Tochter die schmale Treppe hinauf, an Deck, wo der Wind sofort zupackte wie jemand, der keine Zeit für Begrüßungen hat. April über der Nordsee. Die Sonne war da, aber sie meinte es noch nicht ernst.
Lene stand schon an der Reling, die Sammelbox unterm Arm. Neun Jahre alt, viel zu dünn angezogen, weil sie sich morgens durchgesetzt hatte, und mit diesem Blick, den sie von niemandem geerbt haben konnte, weil ihn in der Familie sonst keiner hatte: dem Blick von jemandem, der die Welt für einen Ort hält, an dem ständig etwas Wichtiges herumliegt.
In der Sammelbox lagen im Moment: eine Straßenbahn-Fahrkarte aus Hamburg, entwertet am letzten Tag. Ein Stück Fensterkitt aus der alten Werkstatt. Ein Knopf, Herkunft ungeklärt. Lene sammelte, was andere verloren. Sie nannte es ihr Archiv, seit sie das Wort kannte, und Marit hatte aufgehört, dagegen anzureden.
»Da«, sagte Lene.
Am Horizont, wo das Grau des Wassers auf das Grau des Himmels traf, lag ein Strich. Der Strich hatte einen Kirchturm, aber keine Kirche — das wusste Marit aus dem einzigen Prospekt, den es über die Insel gab, vier Seiten, gedruckt vor gefühlt zwanzig Jahren. Fehnholm. Vierzig Minuten Fähre von Holmsiel, einmal am Vormittag, einmal am Nachmittag, sonntags nach Bedarf und Laune.
Ihre Insel, seit sieben Wochen und drei Tagen.
Es fühlte sich immer noch an wie ein Satz aus dem Leben von jemand anderem.
* * *
Die Notarin hatte zweimal anrufen müssen, damals im Februar, weil Marit beim ersten Mal aufgelegt hatte. Nicht aus Unhöflichkeit. Aus Erschöpfung. Wenn die Werkstatt, in die man vierzehn Jahre Leben geschraubt hat, an einer dritten Mieterhöhung stirbt, und wenn man gerade dabei ist, Maschinen zu verkaufen, die man beim Vornamen kennt, dann hält man Anrufe von Notarinnen für das, was sie normalerweise sind: Ärger mit Briefkopf.
»Frau Feddersen«, hatte die Notarin beim zweiten Mal gesagt, schnell, bevor Marit wieder auflegen konnte. »Es geht um eine Erbschaft. Sie sind als Alleinerbin eingesetzt. Eine Werkstatt auf Fehnholm, mit Grundstück und Bestand.«
»Da liegt ein Irrtum vor«, hatte Marit gesagt. »Ich kenne niemanden auf Fehnholm.«
»Alma Brodersen?«
»Kenne ich nicht.«
Und dann hatte die Notarin den Satz vorgelesen, den Alma Brodersen als einzige Begründung in ihr Testament hatte schreiben lassen, und Marit hatte am Küchentisch gestanden, zwischen Umzugskartons, die noch kein Ziel hatten, und hatte das Telefon plötzlich mit beiden Händen gehalten.
Vererbt an die, die repariert, statt wegzuwerfen.
Sie kannte Alma Brodersen doch. Eine Begegnung, sechs Jahre her, zwei Stunden lang, auf einer Handwerksmesse in Hamburg. Marit hatte damals am Stand der Tischler-Innung einen Biedermeier-Stuhl wieder zusammengesetzt, den sein Besitzer zum Sperrmüll geben wollte — vor Publikum, das war der Sinn der Sache, man zeigte, was Restaurierung konnte. Das Publikum war gekommen und gegangen. Nur eine alte Frau am Nachbarstand war geblieben, die ganzen zwei Stunden, auf einem Klappstuhl, die Hände über einem Gehstock gefaltet, und hatte zugesehen, wie man zusieht, wenn man selbst vom Fach ist: nicht auf das Ergebnis, auf die Hände.
Am Ende, als der Stuhl wieder ein Stuhl war, war sie aufgestanden, hatte genickt und einen einzigen Satz gesagt.
Sie halten das Messer wie jemand, der Dinge lieb hat.
Dann war sie gegangen. Kein Name, keine Karte, kein Woher. Sechs Jahre lang war sie für Marit die alte Dame von der Messe gewesen, eine Anekdote für lange Abende. Jetzt war sie ihr Erbe.
Man konnte die Geschichte niemandem erzählen, ohne dass die Leute die Stirn runzelten. Björn, ihr geschiedener Mann, Anwalt, hatte drei Tage lang nach dem Haken gesucht und keinen gefunden außer dem, den er für den größten hielt: »Das ist eine Insel, Marit. Mit einer Schule, die vermutlich aus einem Raum besteht.«
»Aus einem Raum mit Meerblick«, hatte Marit gesagt, und da war die Entscheidung eigentlich schon gefallen, sie hatte es nur noch nicht gewusst.
* * *
»Sie sind die Neue von Alma.«
Marit drehte sich um. Der Fährmann war aus dem Ruderhaus getreten, ein Mann um die siebzig mit einem Gesicht, das aussah wie etwas, das lange gegen Westwind gehalten hatte, und einer Pfeife, die nicht brannte. Er sagte es nicht als Frage.
»Marit Feddersen.« Sie streckte die Hand aus. »Und das ist Lene.«
»Thees Volkerts.« Seine Hand war wie Tauwerk. »Ich fahr das hier. Seit länger, als gut für mich ist.« Er sah zu Lene, die sich über die Reling beugte, gerade so weit, wie man sich beugen durfte, keinen Zentimeter weiter — sie hatte die Grenze in den ersten fünf Minuten ausgemessen. »Das Kind sammelt.«
»Das Kind sammelt«, bestätigte Marit.
»Gut.« Thees nickte langsam, als hätte sie eine wichtige Prüfungsfrage richtig beantwortet. »Die Insel verliert dauernd was. Da kann jemand, der aufhebt, nicht schaden.«
Er stopfte die kalte Pfeife um, ohne sie anzuzünden, und sah zu dem Strich am Horizont hinüber, der jetzt schon mehr war als ein Strich: Man erkannte den Deich, ein paar Dächer, den einsamen Kirchturm.
»Sie hat auf Sie gewartet«, sagte er dann.
Marit sah ihn an. »Wir sind uns ein einziges Mal begegnet. Ich wusste nicht mal ihren Namen.«
»Hab ich gehört, ja.« Mehr sagte er dazu nicht, und wie er es sagte, klang es, als wüsste die halbe Insel mehr über diese eine Begegnung als Marit selbst. »Einhundertzwölf Körbe. Wissen Sie das schon?«
»Es stand im Nachlassverzeichnis.«
»Papier.« Thees machte ein Geräusch, das ein Lachen sein konnte oder ein Husten. »Einhundertzwölf Körbe sind kein Verzeichnis, Deern. Das sind einhundertzwölf Stammplätze. Da hängen Leute dran, an jedem einzelnen. Sie erben keine Werkstatt.« Er klemmte die Pfeife zwischen die Zähne. »Sie erben einen halben Sommer für ziemlich viele Menschen.«
Er ging zurück ins Ruderhaus, ohne eine Antwort abzuwarten, und Marit blieb an der Reling stehen und hielt ihren geflickten Becher und dachte: Einhundertzwölf.
In Hamburg hatte sie zuletzt für drei Stammkunden gearbeitet und für das Finanzamt.
* * *
Die Fähre legte an wie jemand, der es nicht mehr beweisen muss: eine einzige ruhige Bewegung, ein Tampen flog, ein Mann auf der Mole fing ihn, ohne hinzusehen. Der Hafen von Fehnholm bestand aus dieser Mole, einem Dutzend Fischerbooten, einem Kran, der bessere Zeiten gesehen hatte, und einer Bank, auf der zwei alte Männer saßen und den Möbelwagen begutachteten, als würde eine Zirkusattraktion angeliefert.
Es roch nach Salz, nach Tang und nach Diesel, und über allem kreischten Möwen ihre ewige Beschwerde.
Lene stand neben ihr auf der Rampe und hatte die Sammelbox so fest im Arm, als könnte die Insel sie ihr wegnehmen.
»Und wenn es doof ist?«, fragte sie leise.
»Dann ist es doof mit Meerblick«, sagte Marit.
Lene dachte darüber nach. »Das ist besser als doof ohne«, entschied sie dann, und damit war die Sache für den Moment geregelt.
Der Weg vom Hafen zur Werkstatt führte durchs Dorf — Backstein, Reetdächer, Vorgärten mit windschiefen Rosen — und dann am Deichfuß entlang, und man sah die Halle schon von weitem: ein langer, dunkler Holzbau mit einem Blechdach, das an der Nordkante flatterte wie ein schlecht gekämmter Scheitel. Ehemals Bootshalle, stand im Verzeichnis. Daneben ein niedriger Schuppen, davor ein Hof mit Kopfsteinen, zwischen denen das Gras stand wie nach einem verlorenen Krieg.
Marit stand mit dem Schlüssel in der Hand vor dem Tor und brauchte einen Moment.
Der Schlüssel war alt und schwer und warm von der Fahrt in ihrer Jackentasche, und das Vorhängeschloss öffnete sich mit einem satten, gepflegten Klacken. Geölt. Irgendjemand hatte dieses Schloss geölt, vor nicht allzu langer Zeit, für eine Frau, die schon drei Monate tot war, oder für die, die kommen würde.
Das Tor schwang auf, und die Werkstatt atmete ihr entgegen: Holz, Leinöl, altes Werg, Staub, der in den Lichtbahnen aus den Oberlichtern stand wie etwas Lebendiges. Hobelbänke. Regale voller Weidenruten und Geflechtrollen. Stoffballen in einem Blau, das Marit noch nie gesehen hatte — ein tiefes, warmes Blau mit schmalen weißen Streifen, das aussah wie das Meer an einem sehr guten Tag.
Und an der Wand, über der längsten Werkbank, Werkzeug. Hunderte von Werkzeugen, jedes an seinem Haken, jedes mit einem gemalten Umriss dahinter, damit es seinen Platz wiederfand. Marit trat näher, und ihre Hand hob sich von selbst.
Die Griffe waren blank. Nicht poliert — blankgegriffen. Sechzig Jahre lang hatten dieselben Hände dieselben Griffe genommen, jeden Tag, bis das Holz an genau diesen Stellen heller war als überall sonst, glatt wie Kieselsteine, und wenn man die eigene Hand darauf legte, lagen die Finger dort, wo ihre gelegen hatten.
Marit legte die Hand auf den Griff eines Klopfholzes und ließ sie dort.
»Mama!« Lenes Stimme, von draußen, hoch vor Aufregung. »Mama, komm! Hinter der Düne! Da schlafen die alle!«
Marit ging hinaus, um die Halle herum, den schmalen Pfad hinauf, den Dünenhafer säumte, und dann sah sie es.
Der Strand lag breit und blank im Nachmittagslicht, und darauf, in langen, ordentlichen Reihen, standen die Körbe. Einhundertzwölf Strandkörbe unter grauen Winterplanen, ausgerichtet wie eine schlafende Kompanie, und der Wind fuhr über die Planen und hob sie an und ließ sie sinken, eine nach der anderen, ein langsames Atmen aus Segeltuch, den ganzen Strand entlang.
Lene stand mitten zwischen den Reihen, winzig, die Arme ausgebreitet.
»Es sind so viele«, rief sie. »Und alle haben Nummern!«
Marit stand auf der Düne, den Wind im Gesicht, und rechnete nicht. Das war das Erstaunliche, das würde sie später niemandem erklären können: dass sie in diesem Moment ausnahmsweise nicht rechnete — nicht die Reparaturen, nicht das Material, nicht die Wochen bis zur Saison. Sie stand nur da und sah einem Strand voller schlafender Körbe beim Atmen zu und dachte an einen Satz, der ihr gehörte, seit eine fremde alte Frau ihn über einen halbtoten Stuhl hinweg gesagt hatte.
Sie halten das Messer wie jemand, der Dinge lieb hat.
»Na gut, Alma Brodersen«, sagte sie leise, in den Wind hinein. »Zeigen Sie mir, was Sie liebgehabt haben.«
Unten am Strand hob Lene den ersten Fund ihrer neuen Sammlung auf und hielt ihn hoch: irgendetwas Kleines, das in der Sonne blitzte.
Der Sommer konnte kommen. Fertig war hier noch lange nichts.
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