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Für diesen Drachen liegt keine Genehmigung vor

Cover: Für diesen Drachen liegt keine Genehmigung vor

Ein zwischenbehördlicher Multiversumsroman

Deutsch Band 2 der Reihe »Ordnungsamt des Multiversums« von Andreas Reis.

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Worum es geht

Das Kausalitäts-Controlling von Göppingen hat gerade gelernt, die Wirklichkeit zu verwalten — da fällt ein grüner Brief in den Hof. Ein Amtshilfeersuchen. Von außerhalb. Unterschrieben mit der Zeichnung eines Drachen.

Leo Vogt wollte eigentlich nie wieder ein schwarzes Loch von innen sehen. Doch der Brief lässt sich nicht vertagen: irgendwo an der Nordseeküste reißt eine fremde Wirklichkeit auf, eine überforderte Behörde bittet um Hilfe, und der Himmel über einem kleinen Sielort leuchtet in einem Grün, das es nach den Göppinger Regeln gar nicht geben dürfte.

Also packen Leo, seine chaosbegabte Tante Elara, der wortkarge Beamte Eberle, die Buchhändlerin Miriam — und ein Toaster auf Beinchen — das halbe Ordnungsamt in einen zu kleinen Transporter und fahren los. Nur stellt sich heraus, dass ihre Geräte, ihre Formulare und ihre mühsam erkämpften Regeln außerhalb der eigenen Stadt nur halb so gut funktionieren. Und dass die Leute an der Küste eine völlig andere Vorstellung davon haben, wie man eine Apokalypse ordnungsgemäß bearbeitet.

Der zweite Fall der Reihe »Ordnungsamt des Multiversums«: eine schräge, warmherzige Sci-Fi-Komödie über Gezeiten-Bürokratie, zwei grundverschiedene Behördenkulturen, einen Drachen mit Amtshilfeersuchen — und die schwierigste aller Amtshandlungen: etwas aus der Hand zu geben, das man liebt.

Auf einen Blick

Reihe
Ordnungsamt des Multiversums, Band 2
Umfang
537 Seiten (Taschenbuch)
Ausgaben
Kindle, Paperback
Sprache
Deutsch
Autor
Andreas Reis
Leseprobe
Kapitel 1 vollständig, kostenlos

Hörprobe: Kapitel 1 zum Anhören

Das komplette erste Kapitel, ungekürzt vorgelesen (19:04 Minuten). Die Aufnahme nutzt eine synthetische Stimme.

Leseprobe: Kapitel 1

Das erste Kapitel in voller Länge (2626 Wörter) - kostenlos lesen, ohne Anmeldung.

%% PART: Teil Eins — Das eigene System verlassen # Vertagt bis morgen

Der erste Morgen, an dem das Multiversum keine Beschwerde eingereicht hatte, begann damit, dass der Kühlschrank eine einreichte.

»Ich möchte zu Protokoll geben«, brummte er aus der Werkstattecke, »dass die Milch abgelaufen ist und niemand mich gefragt hat, wie ich mich dabei fühle.«

Leo Vogt, der seit zwanzig Minuten am Werkbanktisch saß und versuchte, einen Tag zu beginnen, ohne dass er sich anfühlte wie der Anfang von etwas Größerem, sah nicht auf.

»Sprechzeit ist um siebzehn Uhr.«

»Es ist eine Sachstandsmeldung, keine Beschwerde.«

»Es fing mit ›Ich möchte zu Protokoll geben‹ an.«

»Das ist Verwaltungssprache. Verwaltungssprache ist neutral.«

»Verwaltungssprache«, sagte Leo, »ist die unneutralste Sprache, die je erfunden wurde. Sie klingt nur so, als hätte sie keine Gefühle, damit man ihr glaubt.«

Der Kühlschrank dachte darüber nach, was man daran erkannte, dass sein Kompressor eine Tonlage tiefer ging.

»Ich notiere das als Kompliment.«

»Tu das.«

Es war, stellte Leo fest, ein erstaunlich normaler Streit. Niemand drohte zu kollabieren. Keine Dimension faltete sich auf. Der einzige Riss in der Wirklichkeit, den er an diesem Morgen registriert hatte, war ein haarfeiner gewesen, und er hatte ihn vor dem Frühstück geschlossen, mit einem Formular und zwei Sätzen, fast ohne nachzudenken.

Das beunruhigte ihn mehr, als ihm lieb war.

Drei Wochen war es jetzt her, dass das Café Lesezeichen während eines Dates zusammengebrochen war und Leo aus Versehen die Kausalität demontiert hatte. Drei Wochen, in denen aus einer aufgeschnittenen Mikrowelle, einer geernteten Tante und einem stempelnden Beamten eine Behörde geworden war, die es offiziell nicht gab und ohne die der Landkreis Göppingen, das hatte sich herumgesprochen, inzwischen schlechter dran gewesen wäre.

Das Kausalitäts-Controlling.

Es stand auf einer Tafel an der Wand, in Leos Handschrift, sorgfältiger als nötig, und darunter in vier Worten das ganze Programm: *Schützen. Suchen. Halten. Nicht allein entscheiden.*

Drei Wochen, und Leo hatte tatsächlich angefangen, gut darin zu sein.

***

Der Hof zwischen Werkstatt und Ankerhaus erwachte in der Reihenfolge, die er sich in den letzten Tagen selbst zugelegt hatte und die niemand verordnet hatte, was sie umso verbindlicher machte.

Zuerst die Tauben. Sie versammelten sich kurz nach sechs auf dem Dach des Ankerhauses zur sogenannten Frühlage, bei der die selbsternannte Vorsitzende der temporalen Verwaltungseinheit — die mit der Papierkrawatte — gurrend einen Tagesordnungspunkt vortrug, den niemand verstand und gegen den deshalb niemand Einspruch erhob, weshalb er stets einstimmig angenommen wurde.

Dann Eberle, der zur selben Minute eintraf wie am Vortag und am Tag davor, weil Pünktlichkeit für ihn keine Tugend war, sondern ein Aggregatzustand. Er kontrollierte als Erstes die Suchliste, dann die Stabilitätsanzeige des Ankerhauses, dann, mit einem Misstrauen, das er für angemessen hielt, den Toaster.

Dann Miriam, die nie ankam, sondern einfach irgendwann da war, meist mit einem Buch unter dem Arm und einem Blick, der schon halb in der Welt und halb noch in einem Satz steckte.

Und schließlich Elara, die nicht erwachte, sondern aus dem Schlaf auftauchte wie ein Tiefseegerät, das man versehentlich angelassen hatte — irgendwann zwischen Werkbank und Feldbett, mit Lötkolbenspuren am Ärmel und der festen Überzeugung, sie habe nur kurz die Augen geschlossen, obwohl es elf Stunden gewesen waren.

»Guten Morgen, Projektleiter«, sagte sie und ließ sich auf den Hocker neben ihm fallen. »Du machst dein Gesicht.«

»Ich mache kein Gesicht.«

»Du machst das Gesicht, das du machst, wenn etwas zu gut läuft und du darauf wartest, dass es aufhört.« Sie nahm sich eines der Brötchen, die jemand geholt hatte, und betrachtete es, als habe es ihr persönlich etwas zu beichten. »Das ist übrigens ein hervorragendes Gesicht für unsere Branche. Behalt es.«

Leo behielt es nicht absichtlich. Es behielt sich von selbst.

Denn auf dem Werkbanktisch, zwischen einem halb zerlegten Wasserkocher und drei Schraubenziehern, lag etwas, das nicht hierher gehörte und das er seit drei Wochen jeden Morgen ansah, ohne es zu öffnen, weil er es bereits geöffnet hatte und der Inhalt sich seither nicht geändert hatte.

Der grüne Brief.

Er hatte ihn auf das Klemmbrett geheftet, oben, wo er ihn nicht übersehen konnte, und genau das war das Problem an Dingen, die man nicht übersehen konnte: Man sah sie.

***

Das Klemmbrett war Leos ältestes Werkzeug und sein verlässlichstes. Es hatte gegen Akten-Golems bestanden, gegen die Revisionskammer, gegen eine konsolidierte, goldbebrillte Version seiner Tante, die geglaubt hatte, eine fehlerfreie Welt sei eine sichere Welt, und dafür bereit gewesen war, alles Unfertige wegzuverwalten.

In den letzten Tagen hatte das Klemmbrett vor allem eines getan: nichts.

Es hatte nicht gepiept. Es hatte keine Anomalien gemeldet. Es hatte, einmal, eine leere Honiggläschen-Reklamation der Tauben verzeichnet, und das war der dramatischste Eintrag der Woche gewesen.

Leo löste den grünen Brief vom Klemmbrett und faltete ihn auf, obwohl er den Text auswendig konnte.

*Randkontakt außerhalb Göppingens erkannt.* *Ort: unbekannt.* *Anzahl der Gestrichenen: steigend.* *Lokale Stelle überfordert.* *Bitte kommen Sie nicht allein.*

Darunter, statt einer Unterschrift, die kleine Zeichnung. Ein Drache. Mit der entschlossenen Unbeholfenheit gezeichnet, die nur entsteht, wenn jemand etwas zeichnet, das er für echt hält.

»Er ist immer noch da«, sagte Miriam.

Sie war neben ihn getreten, lautlos, wie sie das tat, und sah über seine Schulter. Sie roch nach Papier und Kaffee, und Leo musste sich, wie an jedem Morgen, kurz daran erinnern, dass es unhöflich war, das zu bemerken.

»Wer?«

»Der Drache. Du faltest ihn jeden Tag auf, als wäre er vielleicht über Nacht gegangen.«

»Ich prüfe den Aktenstand.«

»Du prüfst, ob das Problem von selbst beschlossen hat, keins mehr zu sein.« Sie sagte es ohne Schärfe. »Das tun Probleme selten. Es ist fast ihr einziges definierendes Merkmal.«

Leo wollte etwas erwidern, das gleichzeitig souverän und entlastend klang, und stellte fest, dass er das Klemmbrett umklammerte.

Er sah hinauf.

Über Göppingen lag die Himmelsnarbe, dünn und violett-blau, ein alter Riss, in dem Entscheidungen gespeichert waren wie Tinte unter Haut. Sie war seit Wochen still. Der dunkle Knoten, der sie eine Zeit lang beunruhigt hatte, war fast verschwunden — ein kleiner Punkt blieb, aber kleine Punkte, das hatte Leo gelernt, waren in dieser Stadt das Höchste an Frieden, das zu haben war.

Was ihn störte, war nicht die violette Narbe.

Was ihn störte, war das andere Licht.

Ganz am Rand des Himmels, weit im Norden, dort, wo der Morgen schon hell war und der Himmel eigentlich nichts zu melden hatte, lag ein zweiter, schwacher Schein. Grün. Nicht aufdringlich. Nicht laut. Er war seit drei Wochen da, in genau der Helligkeit, die man übersah, wenn man beschäftigt war, und nicht übersah, wenn man wartete.

Leo hatte sich angewöhnt, beschäftigt zu sein.

»Elara«, sagte er. »Wie weit ist Norden?«

Elara, die hinter ihnen ein Gerät auseinandernahm, das aussah wie ein Wasserkocher und vermutlich keiner war, antwortete, ohne aufzusehen.

»Geografisch oder existenziell?«

»Geografisch.«

»Dann weit. Mehrere Hundert Kilometer. Warum?«

Leo antwortete nicht sofort, und das war Antwort genug, denn Elara legte das Werkzeug aus der Hand, was bei ihr einer Alarmstufe entsprach.

***

Es geschah um halb neun, und es geschah leise, wie die meisten Dinge, die wirklich etwas bedeuten.

Die grüne Narbe am nördlichen Horizont, die drei Wochen lang nur geschienen hatte, warf einen Schatten.

Das war an sich schon falsch, denn ein Schein wirft keinen Schatten, ein Schein ist das Gegenteil eines Schattens, und Leo, der ein Mensch war, dem die innere Logik der Dinge so wichtig war wie anderen Menschen ihr Blutdruck, spürte die silberne Narbe in seiner rechten Handfläche ziehen, bevor sein Verstand verstand, was er sah.

Der Schatten fiel nach Süden.

Über die Felder, über die Autobahn, über die Stadt, über den Hof, und für den Bruchteil einer Sekunde lag er über dem Werkbanktisch, über dem grünen Brief, über der Drachenzeichnung, und in diesem Bruchteil einer Sekunde bewegte sich die Zeichnung.

Nicht viel. Der Drache hob den Kopf. Sah Leo an. Wie ein Tier, das gemerkt hat, dass es zu lange gewartet hat, und das nicht wütend ist, sondern nur sehr, sehr müde.

Dann war der Schatten vorbei, und die Zeichnung war wieder eine Zeichnung.

Im Hof war es still geworden. Sogar die Tauben.

Eberle stand reglos neben der Stabilitätsanzeige, den Stempel in der Hand, in der Haltung eines Mannes, der etwas gesehen hatte, für das er kein Formular besaß, was für ihn dem Weltuntergang nahekam.

»Das«, sagte er, und seine Stimme war ruhiger, als sein Gesicht es zuließ, »war keine zulässige Schattenwurfrichtung.«

»Nein«, sagte Leo.

»Schatten fallen von der Lichtquelle weg.«

»Ja.«

»Das ist nicht von der Lichtquelle weggefallen. Das ist auf uns zugekommen.«

»Ich weiß.«

Eberle sah ihn an. In den drei Wochen, seit aus dem Antagonisten ein Verbündeter geworden war, hatte Leo gelernt, Eberles Gesicht zu lesen, das ungefähr so viel Bewegung zeigte wie eine gut geführte Akte. Was er jetzt darin las, war nicht Angst. Eberle hatte keine Angst vor Schatten. Eberle hatte Angst vor Zuständigkeit.

»Wenn das«, sagte Eberle langsam, »von dort kommt« — er deutete nach Norden, ohne hinzusehen, als könne Hinsehen es verbindlich machen — »dann ist es nicht unser Sachgebiet.«

»Das hat es uns geschrieben«, sagte Miriam. »Vor drei Wochen. Es hat uns geschrieben, dass die lokale Stelle überfordert ist und dass wir kommen sollen. Wir haben es vertagt.«

»Vertagung ist ein legitimes Verwaltungsinstrument.«

»Vertagung«, sagte Miriam, »ist Warten mit einem Aktenzeichen.«

Eberle öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Es war, vermutete Leo, das erste Mal in seiner Laufbahn, dass ihm jemand das Wesen der Vertagung erklärt hatte, ohne dass er widersprechen konnte.

***

Sie versammelten sich am Werkbanktisch, weil sich am Werkbanktisch alles versammelte, was in dieser Familie wichtig war — eine Familie, die Leo sich nicht ausgesucht hatte und ohne die er sich inzwischen nicht mehr vorstellen konnte, was vermutlich die einzige brauchbare Definition von Familie war.

Elara legte den grünen Brief in die Mitte. Daneben legte sie etwas Zweites: einen schmalen Metallstreifen, an dem ein einzelner roter Faden hing.

Leo erkannte ihn. Es war ein Faden aus Hannas Schal — jener eine Faden, der ein wenig heller war als der Rest und der ein Mensch gewesen war, bevor er ein Anker wurde. Hanna hatte ihn freiwillig gegeben, mit der Begründung, ein Schal habe genug Fäden, um auch einen abzugeben, der hilft.

»Ich habe nachgedacht«, sagte Elara, was nie beruhigend war.

»Das merkt man«, sagte Leo. »Du hast dein Brett mitgebracht.«

»Ich habe ein Problem mitgebracht. Das Brett trägt es nur.« Sie tippte auf den roten Faden. »Unsere Anker funktionieren, weil das Ankerhaus ein Feld erzeugt. Eine Art Resonanz. Stell dir vor, das ganze Grundstück summt auf einer Frequenz, auf der Gestrichene wieder fest werden können. Innerhalb dieses Summens halten unsere Geräte. Sie halten *deshalb*.«

»Und außerhalb?«

Elara schwieg einen Moment, was ihr so schwerfiel, dass es selbst eine Aussage war.

»Außerhalb«, sagte sie, »weiß ich es nicht.«

»Du weißt es nicht.«

»Ich vermute. Und meine Vermutung gefällt mir nicht, weshalb ich sie ungern als Wissen verkaufe, das ist eine alte Schwäche von mir, ich arbeite daran.« Sie hob den roten Faden ins Morgenlicht. »Ich vermute, dass unsere Werkzeuge mit jedem Kilometer, den wir uns vom Ankerhaus entfernen, schwächer werden. Halbe Leistung. Vielleicht weniger. Wir würden mit Geräten ankommen, die hier alles können und dort fast nichts.«

»Dann bauen wir ein Feld, das mitkommt.«

»Genau das versuche ich, Zahlenromantiker. Seit drei Nächten. Es ist der Grund, warum ich aussehe, als hätte ich gegen einen Lötkolben verloren.« Sie ließ den Faden sinken. »Aber ein Feld, das mitkommt, ist ein Widerspruch in sich. Ein Anker, der reist. Etwas, das hält und sich bewegt zugleich. Das ist nicht nur ein technisches Problem. Das ist beinahe ein philosophisches.«

»Die schlimmste Sorte«, murmelte Eberle.

»Du wirst überrascht sein«, sagte Elara, »wie sehr ich dir zustimme.«

***

Es war Miriam, die schließlich aussprach, was alle dachten und niemand sagen wollte, weil es das Vertagen beenden würde.

»Wir müssen hin.«

Sie sagte es leise, mit dem Buch immer noch unter dem Arm, als sei der Satz nur eine weitere Zeile, die sie las.

»Es bittet seit drei Wochen. ›Bitte kommen Sie nicht allein.‹ Das ist kein Hilferuf von jemandem, der alles im Griff hat. Das ist jemand, der weiß, dass er es allein nicht mehr schafft, und der den Stolz hatte, es trotzdem hinzuschreiben.« Sie sah auf die Drachenzeichnung. »Ich kenne diesen Satz. Ich habe ihn lange nicht geschrieben, weil ich ihn nicht aushielt. ›Bitte kommen Sie nicht allein‹ heißt: Ich kann nicht mehr.«

Es wurde still.

Der Toaster, der bis dahin reglos auf seinen kleinen Beinchen am Tischrand gestanden hatte, zeigte auf seinem Display:

**ICH KOMME MIT.**

»Das wissen wir«, sagte Leo.

**ICH WOLLTE ES TROTZDEM AKTENKUNDIG MACHEN.**

»Ist notiert.«

Leo sah in die Runde. Elara mit dem roten Faden. Eberle mit seinem Stempel, der seit dem Schatten nicht heruntergekommen war. Miriam mit ihrem Buch und ihrer ruhigen, unerträglichen Klarheit. Den Kühlschrank, der aus seiner Ecke brummte und ausnahmsweise schwieg, weil er gespürt hatte, dass dies kein Siebzehn-Uhr-Moment war. Die Tauben auf dem Dach. Karo und Nulli, die nebeneinander in der Sonne lagen, wobei Nullis vierbeiniger Schatten gerade allein eine kleine Runde drehte und sich dann wieder hinlegte, als hätte er nur kurz nach dem Rechten gesehen.

Und am Rand des Hofes, in der Tür des Ankerhauses, Clara, mit beiden schwarzen Schuhen auf der Schwelle und einer Tasse in der Hand, die sie immer noch hielt, als sei sie nicht ganz sicher, ob sie sie behalten dürfe.

Clara, die ein Zwischenanker war. Clara, die bleiben konnte, solange jemand die Frage offen hielt, ob sie bleiben durfte. Clara, die nicht mitkommen konnte.

Leo verstand in diesem Moment, lange bevor er es in Worte fassen würde, dass das Schwierigste an dieser Reise nicht der Drache sein würde.

Das Schwierigste würde sein, etwas zurückzulassen, das er gelernt hatte zu halten.

»Gut«, sagte er, und seine Stimme war fester, als er sich fühlte. »Dann planen wir es.«

»Planen«, sagte Elara genüsslich. »Endlich wieder ein Wort, bei dem du leuchtest.«

»Ich leuchte nicht.«

»Du leuchtest. Innerlich. Es ist widerlich, aber sichtbar.«

Leo beschloss, das durchgehen zu lassen, weil er gelernt hatte, dass Elaras Beleidigungen am haltbarsten waren, wenn man sie nicht reparierte.

Er nahm den grünen Brief, faltete ihn zusammen und heftete ihn zurück auf das Klemmbrett. Oben. Wo er ihn nicht übersehen konnte.

Dann nahm er den Stift und schrieb auf das leere Begleitblatt, unter Eberles drei Wochen alten Vermerk *VERTAGT BIS MORGEN*, eine einzige Zeile.

*Morgen ist jetzt.*

Eberle betrachtete den Satz lange.

»Das ist verwaltungstechnisch unsauber«, sagte er schließlich. »Aber inhaltlich nicht widerlegbar.«

Er hob den Stempel.

Senkte ihn.

Hob ihn wieder.

Und stempelte, mit der Feierlichkeit eines Mannes, der eine Epoche beendete:

**ANGENOMMEN.**

Über Göppingen lag die violette Narbe, still.

Im Norden lag das grüne Licht, geduldig.

Und dazwischen lagen mehrere Hundert Kilometer, eine halb funktionierende Gerätesammlung, ein sprechender Kühlschrank, ein Toaster mit Beinen, eine Behörde, die es nicht gab, und die feste, von keinerlei Beweisen gedeckte Hoffnung, dass das alles reichen würde.

Es würde nicht reichen.

Aber das wussten sie an diesem Morgen noch nicht, und vielleicht war das auch besser so.

Leo legte das Klemmbrett aus der Hand.

»Wir fahren morgen.«

»Heute«, sagte Elara.

»Morgen«, sagte Leo. »Heute packen wir. Und heute Abend schlafen wir richtig. Wer übermüdet in ein fremdes Multiversum fährt, trifft schlechte Entscheidungen.«

Miriam lächelte.

»Das ist fast Reife.«

»Pass auf«, sagte Leo, aber er sagte es freundlich, und es klang nicht wie eine Drohung, sondern wie das, was es war — ein Satz, den man in einer Familie sagt, von der man nicht erwartet hatte, dass man sie haben würde, und ohne die man nicht mehr losfahren wollte, nicht einmal in die richtige Richtung.

Im Norden hob das grüne Licht, ganz kurz, ganz leise, noch einmal an.

Dann wartete es weiter.

Es hatte, so wie es aussah, gelernt zu warten.

Das war das Traurigste an der ganzen Sache, und Leo würde es erst sehr viel später verstehen.

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