
Ein schwäbischer Behördenroman
Deutsch Band 1 der Reihe »Ordnungsamt des Multiversums« von Andreas Reis.
Leo Vogt wollte nur ein Date überstehen. Stattdessen hat er aus Versehen die Kausalität zerlegt — und jetzt steht das Ordnungsamt vor der Tür. Das Ordnungsamt des Multiversums.
Leo ist neununddreißig Minuten vor dem wichtigsten Date seines Lebens, als seine geniale, leicht größenwahnsinnige Tante Elara ihm aus einem Babyphone, einer Mikrowelle und einem sehr kleinen schwarzen Loch ein Gerät gegen Peinlichkeit baut. Es funktioniert. Kurz. Dann fällt das Café Lesezeichen in sich zusammen, ein Beamter mit violettem Formular kündigt die Versiegelung der Werkstatt an, und Leo und Elara stürzen kopfüber in eine Verwaltung, die das Universum per Wartemarke regelt.
Zwischen Akten-Golems, einer toxisch gut gelaunten Wohlfühl-Dimension und sieben temporal verschobenen Tauben muss Leo lernen, dass man Chaos nicht kontrolliert — sondern nur professionell eskaliert. Und dass niemand vollständig sein muss, um bleiben zu dürfen.
Eine schräge, herzliche Sci-Fi-Komödie aus dem deutschen Behördenalltag — für alle, die absurde Phantastik mit Herz lieben und schon einmal eine Wartemarke gezogen haben.
Das komplette erste Kapitel, ungekürzt vorgelesen (22:10 Minuten). Die Aufnahme nutzt eine synthetische Stimme.
Das erste Kapitel in voller Länge (2753 Wörter) - kostenlos lesen, ohne Anmeldung.
%% PART: Teil Eins — Wer man ist, wenn man nicht funktioniert # Der temporale Cringe-Kompensator
Leo Vogt hatte siebenunddreißig Minuten bis zu seinem Date und bereits dreimal innerlich gekündigt.
Nicht dem Date.
Sich selbst.
Er stand mitten in der Werkstatt seiner Tante Elara, zwischen Kabeltrommeln, Ölkanistern, drei halb zerlegten Staubsaugerrobotern und einem Laubbläser, der leise summte, obwohl ihn niemand eingeschaltet hatte. Das war in dieser Werkstatt kein gutes Zeichen. Dinge, die ohne Strom summten, hatten hier in der Vergangenheit entweder ein eigenes Bewusstsein entwickelt, eine kommunale Satzung verletzt oder beides gleichzeitig getan und anschließend einen Antrag auf Duldung gestellt.
Draußen lag das Industriegebiet von Göppingen unter einem Himmel von der Farbe alter Aktendeckel. Es roch nach Regen, der sich noch nicht entschieden hatte, nach kaltem Metall und, ganz schwach, nach den Maultaschen, die irgendwo zwei Hallen weiter jemand aufwärmte. Ein vertrauter Geruch. Ein sicherer Geruch. Genau die Art von Geruch, gegen die Leos Abend gleich in den Krieg ziehen würde.
Leo kannte diese Werkstatt besser als jede Wohnung, in der er je gemeldet gewesen war. Als seine Eltern in den Jahren ihrer langsamen, ausgesprochen höflichen Trennung damit beschäftigt gewesen waren, einander über Anwälte mitzuteilen, wer den Hund bekäme, hatte er die Nachmittage hier verbracht, zwischen Elaras Erfindungen, die nie ganz fertig und nie ganz sicher waren. Es war der einzige Ort seiner Kindheit gewesen, an dem niemand von ihm verlangt hatte, in Ordnung zu sein. Man musste hier nur aufpassen, nichts anzufassen, was leuchtete.
Er atmete tief ein.
Einatmen.
Ausatmen.
Das innere Kind umarmen.
Das innere Kind bitten, heute Abend ausnahmsweise keine Präsentation über Bindungsangst zu starten.
»Was, wenn ich wieder über meine Eltern rede?«, fragte er.
Keine Antwort.
Tante Elara lag mit dem Oberkörper in einer aufgeschnittenen Mikrowelle. Zu sehen waren nur ihre schweren Arbeitsstiefel, der Saum ihrer rußverschmierten Schürze und eine Zigarette, die in bedenklicher Nähe zu einer offenen Gasflasche balancierte und nicht brannte, was die Sache eher schlimmer machte. Aus dem Inneren der Mikrowelle drang ein blaues Flackern, begleitet von einem Geräusch, als zöge jemand einen sehr empörten Frosch durch einen Laserdrucker.
»Elara?«
»Wenn du mich beim Kalibrieren des Resonanzmagnetrons noch ein einziges Mal mit deinem Paarungsverhalten behelligst«, sagte sie dumpf aus dem Gerät, »baue ich dir eine Persönlichkeit aus Ersatzteilen. Die hätte dann wenigstens Garantie.«
Leo rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht.
»Ich meine das ernst. Beim letzten Date habe ich neun Minuten lang über die steuerlichen Nachteile gemeinsamer Streaming-Abos gesprochen. Neun Minuten, Elara. Ich habe zugesehen, wie ihre Seele den Körper verlassen hat. Sie hat noch genickt, aber da war niemand mehr zu Hause.«
Ein Funke schoss aus der Mikrowelle, prallte von einer rostigen Werkbank ab und entzündete einen alten Kassenbon, der kurz aufloderte und dann beleidigt verglühte.
»Dann war sie schwach«, sagte Elara. »Wer keine neun Minuten Steuerlogik übersteht, ist für langfristige Paarbindung ohnehin ungeeignet.«
Leo sah auf sein Smartphone.
**18:23 Uhr.**
Das Date begann um neunzehn Uhr im Café Lesezeichen, in der Fußgängerzone, wo die echte Stadt lag, die mit den Menschen und den Erwartungen und den runden Tischen, an denen man sich nicht verstecken konnte.
Miriam.
Sie hatte auf ihrem Profilbild ein echtes Buch in der Hand gehalten. Kein Selfie im Fitnessstudio, keine Sonnenbrille am Bodensee, kein Spruch über Wein und Hunde und das Leben. Ein Buch. Mit Seiten. Aus Papier. Den Titel hatte sie mit dem Daumen halb verdeckt, als ginge es niemanden etwas an, und genau das hatte Leo drei Tage lang nicht losgelassen. Eine Frau, die ein Buch hielt, als wäre es eine private Angelegenheit. Das bedeutete, dass sie vermutlich Gedanken hatte. Tiefe Gedanken. Strukturierte Gedanken. Und schlimmer noch: Erwartungen.
In ihrer letzten Nachricht hatte sie geschrieben, sie arbeite in der Buchhandlung am Marktplatz und betreue dort das Regal für Bücher, die kaum jemand bis zum Ende liest. »Aus Solidarität«, hatte sie hinzugefügt, ohne einen Smiley, ohne Erklärung, als wäre das ein vollständiger Gedanke und keine Eröffnung.
Leo war übel geworden vor Sympathie.
Er hatte ihr Profil seither viermal geöffnet und jedes Mal wieder geschlossen, als könnte sie das aus der Ferne bemerken. Eine Frau, die ein Regal für Bücher pflegte, die niemand zu Ende las. Das war entweder das Traurigste oder das Mutigste, was er seit Langem gehört hatte, und es beunruhigte ihn, dass er sich nicht sicher war, ob er den Unterschied überhaupt kannte.
»Sie liest Bücher ohne Bilder«, sagte er leise. »Sie hat Humor, der keine Erklärung mitliefert. Elara, das ist eine ernste Person. Wenn ich da sitze und anfange, über meine Verdauung bei Stress zu reden, bin ich gesellschaftlich erledigt. Endgültig. Mit Aktenzeichen.«
Endlich kroch Tante Elara aus der Mikrowelle hervor.
Sie war Anfang sechzig, behauptete jedoch, Alter sei nur eine ungenaue thermodynamische Messgröße für Menschen ohne Fantasie. Ihr graues Haar stand in alle Richtungen ab, als hätte es kürzlich eine persönliche Auseinandersetzung mit einem Kugelblitz verloren. Auf ihrer Stirn klebte ein Streifen Isolierband. Ihre Schutzbrille war so zerkratzt, dass sie inzwischen mehr Erinnerungen als Sicht enthielt.
Sie musterte Leo.
Dann musterte sie sein gebügeltes Hemd.
Dann wieder Leo.
»Du trägst das Hemd, das dich aussehen lässt wie ein Versicherungsmakler, der heimlich Gedichte über Büroklammern schreibt.«
»Das ist mein gutes Hemd.«
»Genau das ist das Problem.«
Leo überhörte sie. Das tat er oft. Es war eine Überlebensstrategie, die in dieser Familie ungefähr denselben Stellenwert besaß wie Brandschutz, nämlich einen theoretischen.
»Ich brauche nur einen Plan«, sagte er. »Einen Gesprächsleitfaden. Drei sichere Themen. Vielleicht fünf. Irgendetwas, das mich davon abhält, unter Druck vollständig zu entgleisen.«
Elara griff nach einem Schraubenzieher, der in einer Tasse mit der Aufschrift **Beste Tante des bekannten Universums** steckte. Jemand hatte darunter mit Filzstift ergänzt: **laut Selbstauskunft.**
»Du brauchst keinen Plan«, sagte sie. »Du brauchst eine emotionale Stoßdämpfung.«
»Ich brauche Validierung.«
Elara verzog das Gesicht, als hätte er ihr einen toten Fisch in den Kaffee gelegt.
»Benutz dieses Wort noch einmal, und ich validiere dich mit einem Drehmomentschlüssel.«
Leo ging unruhig auf und ab. Unter seinen Schuhen knirschten Glassplitter, Lötzinn und etwas, das verdächtig nach einem kleinen fossilen Knochen aussah. Er hoffte, es war ein Hühnerknochen. In Elaras Werkstatt war Hoffnung allerdings nur die erste, naive Phase der Enttäuschung.
»Miriam hat geschrieben, sie mag ehrliche Gespräche«, sagte er. »Das ist katastrophal. Ehrliche Gespräche sind mein Endgegner. Ich bin entweder zu ehrlich, oder ich versuche, entspannt zu wirken, und dann klinge ich wie ein Kundendienst-Chatbot mit Kindheitstrauma.«
Elara blieb stehen.
Ganz langsam drehte sie den Kopf.
In ihren Augen erschien dieses gefährliche Leuchten, das Leo seit seiner Kindheit kannte. Es war das Leuchten, das immer dann auftauchte, wenn Elara ein Problem nicht als Problem betrachtete, sondern als höfliche Einladung, ein internationales Abkommen zu verletzen.
»Du willst also wissen, was du sagen wirst, bevor du es sagst«, stellte sie fest.
Leo blinzelte.
»Nein. Also doch. Aber nicht auf eine Weise, die später in einer Untersuchungskommission endet.«
»Langweilig formuliert«, murmelte sie. Sie schob ihn mit dem Ellbogen beiseite, riss eine Schublade auf und kippte ihren Inhalt auf die Werkbank: alte Relais, eine Smartwatch mit gesprungenem Glas, ein handtellergroßer Steuerchip, dem jemand mit Filzstift ein Gesicht gemalt hatte, ein defektes Babyphone, ein Stück Kupferdraht, das noch warm war, und eine Fernbedienung für ein Garagentor, das seit zweitausendacht nicht mehr existierte.
Leo wurde blass.
»Was machst du da?«
»Ich baue dir eine soziale Krücke.«
»Elara.«
»Eine sehr kleine.«
»Elara.«
»Mit minimalem Risiko.«
»Deine Definition von minimalem Risiko schließt normalerweise ein, dass eine Postleitzahl evakuiert werden muss.«
Sie winkte ab.
»Übertreib nicht. Das war ein einziges Mal. Und der Bürgermeister hat sich nach der Sache mit dem rückwärts alternden Kreisverkehr erstaunlich schnell wieder gefangen.«
Leo öffnete den Mund, schloss ihn wieder und entschied, dass jede Nachfrage nur neue Fakten erzeugen würde, die er emotional nicht würde tragen können.
Elara lötete bereits.
Ihre Hände bewegten sich mit einer Präzision, die im erschreckenden Gegensatz zum Rest ihrer Existenz stand. Sie verband das Babyphone mit dem Steuerchip, schraubte die Rückseite der Smartwatch ab und zog aus dem Laubbläser ein Bauteil, das darin definitiv nicht ab Werk verbaut gewesen war. Es leuchtete tiefviolett und pulsierte wie ein Herz, das in einem sehr schlechten Viertel aufgewachsen war.
»Ist das radioaktiv?«, fragte Leo.
»Nicht im juristischen Sinne.«
»Das beruhigt mich nicht.«
»Soll es auch nicht. Beruhigung führt zu Schlamperei.«
Sie biss ein Stück Kabelisolierung mit den Zähnen ab und spuckte es in eine leere Tasse. Dann griff sie nach einem kleinen schwarzen Würfel, der zwischen zwei Pizzakartons schwebte. Er war ungefähr so groß wie ein Stück Würfelzucker, aber er verschluckte das Licht in seiner Umgebung und ließ die Luft darum herum flimmern wie über heißem Asphalt.
Leo wich zurück.
»Das ist doch nicht etwa schon wieder ein schwarzes Loch.«
Elara sah beleidigt aus.
»Natürlich nicht.«
Leo entspannte sich.
»Es ist eine sozialverträgliche Mikro-Singularität mit lokal begrenztem Scham-Absorptionsfeld.«
Leo spannte sich wieder an.
»Du hast ein schwarzes Loch gebaut, das Peinlichkeit frisst?«
»Endlich sagst du mal etwas Verständliches.«
Er starrte sie an.
»Warum existiert so etwas überhaupt?«
»Weil du seit deiner Geburt Beweismaterial dafür lieferst, dass die Menschheit ohne technische Unterstützung nicht gesellschaftsfähig ist.«
Leo wollte widersprechen, fand aber in seinem Gedächtnis ungefähr vierhundert Ereignisse, die Elaras These stützten. Besonders den Vorfall auf der Hochzeit seines Cousins, bei dem er versucht hatte, mit einer Floristin Small Talk zu führen, und am Ende eine spontane Rede über emotionale Vernachlässigung in Mehrgenerationenhaushalten gehalten hatte.
Die Floristin hatte danach den Brautstrauß zurückverlangt.
Elara hielt ihm das fertige Gerät hin.
Es sah aus wie ein medizinisches Pflaster, das von einem paranoiden Roboter entworfen worden war. Das Gehäuse bestand aus giftgrünem Kunststoff, unsauber gedruckt, mit winzigen schwarzen Lüftungsschlitzen und einem Display von der Größe einer Briefmarke. Darauf stand:
**TEMPORALER CRINGE-KOMPENSATOR v0.7**
Darunter blinkte:
**WARNUNG: NICHT FÜR ERSTE DATES, BEWERBUNGSGESPRÄCHE ODER BEERDIGUNGEN GEEIGNET.**
Leo zeigte darauf.
»Da steht, nicht für erste Dates geeignet.«
Elara riss den Aufkleber ab.
»Jetzt nicht mehr.«
»So funktioniert Sicherheit nicht.«
»Doch. In Deutschland funktioniert vieles genau so. Man muss nur das richtige Etikett entfernen.«
Sie zog sein Hemd am Kragen nach vorn und klebte ihm das Gerät direkt auf die Brust.
Es war kalt.
Dann warm.
Dann unangenehm warm.
Dann gab es ein Geräusch von sich, das ungefähr klang wie ein sehr kleiner Beamter, der seine Steuererklärung fristgerecht einreicht.
Leo erstarrte.
»Sollte es das tun?«
»Es synchronisiert sich mit deinem Angstschweiß.«
»Das klingt medizinisch bedenklich.«
»Dein ganzes Leben ist medizinisch bedenklich.«
Elara tippte auf ihre eigene Smartwatch. Auf Leos Display erschien eine schlichte Oberfläche mit drei Symbolen.
»Ganz einfach«, sagte sie und deutete auf das erste. »Bevor du etwas sagst, denkt dein Gehirn es. Das Gerät fängt die unmittelbar bevorstehende verbale Katastrophe ab.«
»Und dann?«
»Dann schickt es eine Mikro-Entscheidungssimulation zwei Komma sieben Sekunden in die Zukunft und zeigt dir, ob dein Satz gesellschaftlich überlebt.«
Leo sah sie an.
»Du hast ein Gerät gebaut, das mir sagt, ob ich gleich etwas Dummes von mir gebe.«
»Wenn es nur das könnte, würde es pausenlos Alarm schlagen, und der Akku wäre in acht Minuten leer.« Sie klopfte ihm mit dem Schraubenzieher gegen die Brust, knapp neben das Gerät. »Es zeigt dir auch Alternativen. Drei mögliche Gesprächsverläufe. Du wählst den mit der geringsten sozialen Selbstzerstörung. Wie beim Navi. Nur dass die Zieladresse deine Würde ist.«
Unter dem Display stand in kleiner Schrift:
**Beta-Version. Kausalität kann Spuren von Nüssen enthalten.**
Leo atmete flach.
Und dann geschah das Gefährlichste, was an diesem Abend bislang geschehen war.
In seinem Inneren regte sich etwas.
Hoffnung.
Diese dumme, glänzende, statistisch schlecht abgesicherte Hoffnung.
»Das könnte funktionieren«, sagte er.
»Natürlich funktioniert es.«
»Wirklich?«
»Leo, ich habe einem Toaster einmal beigebracht, kommunale Bauanträge zu fälschen. Ein Date ist keine Herausforderung. Ein Date ist nur ein Vorstellungsgespräch mit Hormonen.« Sie nickte zum Gerät. »Probier's aus. Sag mir irgendetwas. Etwas, das normalerweise in einer Beleidigung endet.«
Leo zögerte. Dann dachte er den Satz, den er eigentlich sagen wollte — *Du solltest hier wirklich mal aufräumen* —, und der Cringe-Kompensator wurde warm.
Auf dem Display erschienen drei Zeilen untereinander, jede in einem anderen Grauton.
**ZEITLINIE A:** *»Du solltest hier wirklich mal aufräumen.«* → Wahrscheinlichkeit Schraubenschlüssel ins Gesicht: 88 Prozent. **ZEITLINIE B:** *»Hast du eigentlich ein System für das alles?«* → ungefragter Vortrag über Entropie: 71 Prozent. Dauer: zwölf Minuten. **ZEITLINIE C:** *Schweigen.* → soziale Kosten: minimal. Selbstachtung: leicht angeschlagen.
Leo wählte C und sagte nichts.
Elara sah ihn an, dann das Gerät, dann wieder ihn.
»Du hast gerade etwas nicht gesagt«, stellte sie fest. »Ich erkenne das. Dein Gesicht macht dann diesen kleinen Frieden.«
»Es funktioniert«, sagte Leo, und in seiner Stimme lag etwas, das er seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Es klang fast nach Zuversicht. »Es funktioniert wirklich.«
»Selbstverständlich.« Elara klopfte das Gehäuse ab, einmal, fast zärtlich, so wie andere Leute eine Katze tätscheln, von der sie wissen, dass sie beißt. »Nur eines noch. Es ist eine Krücke, kein Bein. Benutz es zu oft, und du verlernst, wie man ohne geht.«
Leo hörte nicht zu. Er las gerade zum vierten Mal die Zeile *soziale Kosten: minimal* und fühlte sich, als hätte ihm jemand zum allerersten Mal in seinem Leben einen Beipackzettel für andere Menschen in die Hand gedrückt.
Er sah erneut auf die Uhr.
**18:41 Uhr.**
Noch neunzehn Minuten.
»Was ist mit Nebenwirkungen?«
Elara sah zur Seite.
»Definiere Nebenwirkungen.«
Leo schloss die Augen.
»Alles, was dazu führt, dass ich sterbe, mich verdopple, eine Behörde auf uns aufmerksam wird oder ich rückwirkend nie geboren wurde.«
»Dann nein.«
»Elara.«
»Maximal theoretisch.«
»Elara.«
Sie seufzte.
»Wenn du das Gerät zu oft benutzt, entsteht temporaler Abfall.«
Leo wartete.
»Und?«
»Und der muss irgendwo hin.«
»Wohin?«
Elara zog an ihrer Zigarette, obwohl sie nicht brannte.
»Deshalb heißt es Beta-Version.«
Leo wollte sich das Gerät augenblicklich von der Brust reißen.
Doch dann vibrierte sein Smartphone.
Eine Nachricht von Miriam.
> **Bin schon unterwegs. Freue mich.**
Leo las sie dreimal.
Kein Smiley. Wieder kein Smiley. Drei kurze Sätze, von denen einer kein vollständiger Satz war, und sie hatte sich nicht dafür entschuldigt. Es war die selbstbewussteste Nachricht, die er seit Monaten erhalten hatte, und sie ließ ihn sich fühlen wie ein Zeuge seiner eigenen, bereits terminierten Hinrichtung.
Seine Hände wurden feucht.
Sein Hals trocken.
Sein Gehirn öffnete eigenmächtig den Ordner **Mögliche Gesprächskatastrophen** und spielte eine Diashow ab: Er verschüttete Kaffee. Er verwechselte ihren Namen. Er sagte »meine Mutter« in einem Zusammenhang, in dem niemand nach seiner Mutter gefragt hatte. Er erklärte ungefragt, warum Tauben evolutionär betrachtet nichts weiter seien als fliegende Steuerhinterziehung.
Der Cringe-Kompensator piepte.
Auf dem Display erschien:
**PANIKNIVEAU: BETRIEBSWARM** **EMPFEHLUNG: DATE WAHRNEHMEN. FLUCHTVERHALTEN SENKT ATTRAKTIVITÄT UM 63 PROZENT.**
Leo schluckte.
»Das Ding bewertet mich?«
»Endlich tut es mal jemand objektiv.«
Elara warf ihm seine Jacke zu.
»Los jetzt. Café Lesezeichen. Du setzt dich hin. Du hörst zu. Du sagst keine Sätze mit mehr als zwei Nebensätzen. Und falls du über deine Eltern reden willst, drückst du vorher auf die Uhr.«
Leo zog die Jacke an. Seine Beine fühlten sich an, als hätte jemand sie über Nacht durch schlecht gekochte Spaghetti ersetzt.
An der Tür blieb er stehen.
»Elara?«
»Was?«
»Danke.«
Sie verzog das Gesicht, als hätte er sie in der Öffentlichkeit umarmt.
»Widerlich. Geh.«
Er öffnete die schwere Stahltür der Werkstatt. Feuchte Göppinger Abendluft schlug ihm entgegen, kühl und ehrlich, mit diesem Anflug von nassem Laub, den der Herbst hier sechs Wochen zu früh abzuliefern pflegte. Irgendwo bellte ein Hund. Ein Auto fuhr durch eine Pfütze. Die Welt wirkte erschreckend normal für einen Ort, an dem gerade ein schwarzes Loch zur sozialen Unterstützung auf seiner Brust klebte.
Leo trat hinaus.
Hinter ihm rief Elara:
»Und Leo?«
Er drehte sich um. Sie stand im Türrahmen, Schutzbrille auf der Stirn, Hände in der öligen Schürze.
»Wenn das Gerät heiß wird, ignorier es nicht.«
Leo erbleichte. »Wie heiß?«
Elara überlegte einen Moment, der ehrlicher war, als ihm lieb war. »Kommt darauf an, ob du Small Talk machst oder über deine Kindheit redest.«
»Elara!«
»Geh schon. Liebe wartet nicht. Sie aktualisiert nur ihren Standort und bestellt irgendwann ohne dich.«
Die Tür krachte zu.
Leo ging los.
Mit jedem Schritt in Richtung Innenstadt vibrierte der Cringe-Kompensator leise unter seinem Hemd — das Vibrieren einer Maschine, die etwas wusste, das Leo nicht wusste, und die zu höflich war, es zu sagen.
Er dachte an Miriam. An das Café. Daran, unter gar keinen Umständen, auch nur ein einziges Wort über seine Eltern zu verlieren.
Tief im Inneren der Mikro-Singularität auf seiner Brust begannen sich die ersten ungelebten Peinlichkeiten zu sammeln — lautlos und geduldig, so wie sich nasses Laub vor einem Gully sammelt, kurz bevor die Straße unter Wasser steht.
Der Cringe-Kompensator piepte einmal.
Dann zeigte das Display:
**VORHERSAGE: UNWAHRSCHEINLICH.**
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Ein zwischenbehördlicher Multiversumsroman
Bei Amazon ansehenLeo Vogt wollte nur ein Date überstehen. Stattdessen hat er aus Versehen die Kausalität zerlegt — und jetzt steht das Ordnungsamt vor der Tür. Das Ordnungsamt des Multiversums. Leo ist neununddreißig Minuten vor dem wichtigsten Date seines Lebens, als seine geniale, leicht größenwahnsinnige Tante Elara ihm aus einem Ba
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Ja. Das komplette erste Kapitel »Kapitel 1« steht hier kostenlos zum Lesen und als Hörprobe zum Anhören.
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