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Die Frau im Zimmer über dem See

Cover: Die Frau im Zimmer über dem See

Ein Cosy-Krimi um ein altes Café, ein verschlossenes Zimmer und ein Familiengeheimnis am See

Deutsch Band 2 der Reihe »Die Seehaus-Geheimnisse« von Andreas Reis.

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Worum es geht

Ein Zimmer über dem See, das offiziell nie vergeben wurde. Eine Reservierungskarte mit nur einem Buchstaben: W. Und ein Haus, das sich erinnert, auch wenn die Menschen schweigen.

Mara Lenz hat das Seehaus-Café nicht verkauft. Sie ist geblieben – und sie steigt die alte Treppe hinauf, in das verschlossene Zimmer über dem Wasser.

Dort lebte vor dreißig Jahren jemand, den es nie gegeben haben soll. Alte Kleider, eingeritzte Zeichen im Fensterrahmen, der Geruch von Lavendel: Spuren einer Frau, die sich versteckte – oder versteckt wurde.

Je näher Mara der Wahrheit über das Zimmer kommt, desto deutlicher begreift sie: Manche Räume bewahren mehr als Staub. Sie bewahren, was Menschen vor sich selbst verbergen.

Der zweite Fall der Reihe „Die Seehaus-Geheimnisse“ – ein atmosphärischer Cosy-Krimi über Familiengeheimnisse, verschwiegene Zeuginnen und die Frage, wie weit Schweigen reicht. Jetzt mit Kindle Unlimited lesen.

Auf einen Blick

Reihe
Die Seehaus-Geheimnisse, Band 2
Umfang
476 Seiten (Taschenbuch)
Ausgaben
Kindle, Paperback
Sprache
Deutsch
Autor
Andreas Reis
Leseprobe
Kapitel 1 vollständig, kostenlos

Hörprobe: Kapitel 1 zum Anhören

Das komplette erste Kapitel, ungekürzt vorgelesen (24:25 Minuten). Die Aufnahme nutzt eine synthetische Stimme.

Leseprobe: Die Karte mit dem Buchstaben W

Das erste Kapitel in voller Länge (3055 Wörter) - kostenlos lesen, ohne Anmeldung.

Mara legte die Karte nicht sofort neben Claras Brief.

Sie hielt sie noch eine Weile zwischen den Fingern, als könnte das dünne Papier irgendwann von selbst erklären, warum es so schwer war. Es war nur eine Reservierungskarte. Vergilbter Karton, an den Ecken weich geworden, die Schreibmaschine hatte die Buchstaben leicht in die Oberfläche gedrückt. Ein Verwaltungsstück. Ein Rest aus einem alten Ordner. Etwas, das man früher ausgefüllt, abgelegt und vergessen hatte.

Nur hatte im Seehaus-Café bisher nichts vergessen wollen.

Auf dem Tisch vor ihr lag Claras Brief.

Der Umschlag war geöffnet, das Siegel gebrochen. Das kleine Haus über den Wellenlinien glänzte nicht mehr, sondern wirkte matt, beinahe erschöpft. Für Mara, wenn sie nach Hause kommt.

Sie hatte den Satz inzwischen so oft gelesen, dass er nicht mehr nur auf Papier stand. Er hing in der Luft des Cafés. Zwischen den Stühlen. Unter der Decke. In dem Staub, der sich während der Nacht wieder auf die Fensterbretter gelegt hatte, als hätte das Haus versucht, alles, was gestern aufgerissen worden war, wieder mit einer dünnen Schicht Schweigen zuzudecken.

Mara hatte kaum geschlafen.

Nicht richtig.

Sie hatte im alten Gästezimmer gelegen, das früher keines gewesen war und heute keines mehr sein wollte. Die Matratze roch nach Waschmittel, Holz und einem Rest Feuchtigkeit, der sich in alten Häusern nie ganz vertreiben ließ. Draußen hatte der See gegen die Dunkelheit gelegen, unsichtbar, aber nicht still. Ab und zu hatte sich Wasser an den Steinen bewegt. Ab und zu hatte ein Balken gearbeitet. Ab und zu hatte Mara geglaubt, unten im Café eine Diele zu hören.

Dann hatte sie den Atem angehalten.

Aber es war niemand gekommen.

Oder niemand, der noch gehen musste.

Jetzt saß sie am Tisch am Fenster, der Kaffee vor ihr unberührt. Frau Baumann hatte am frühen Morgen eine kleine Tüte Brötchen an die Tür gehängt, ohne zu klingeln. Neben der Tüte hatte ein Zettel gelegen: Sie müssen nicht danken. Essen Sie wenigstens eins.

Mara hatte den Zettel gelesen, gefaltet und neben die Tasse gelegt. Sie hatte nichts gegessen.

Der Kaffee war inzwischen kalt.

Sie sah auf die Reservierungskarte.

Zimmer über dem See.

17. Juli 1996.

Name: W.

Der Buchstabe stand allein da, als hätte jemand angefangen, einen Menschen aufzuschreiben, und dann den Mut verloren. Kein Punkt danach. Keine Ergänzung. Kein Vorname, kein Nachname, kein Ort. Nur W. in einer geraden, maschinellen Schrift, die so tat, als sei sie unschuldig.

Mara legte die Karte endlich neben Claras Brief.

Papier neben Papier.

Stimme neben Spur.

Für einen Moment sah es ordentlich aus. Fast harmlos. Ein Brief, eine Karte, eine Tasse Kaffee, das matte Licht über dem See. Wenn jemand Fremdes hereingekommen wäre, hätte er vielleicht geglaubt, Mara bereite eine kleine Ausstellung vor. Ein paar alte Fundstücke aus dem Café, ein bisschen Geschichte, eine sentimentale Rückkehr.

Aber nichts daran war klein.

Und nichts daran war Geschichte genug, um vorbei zu sein.

Mara strich mit dem Daumen über den Rand der Karte. Der Karton war rauer als der Briefbogen. Claras Papier hatte, trotz der Jahre, noch eine gewisse Weichheit. Die Karte war sachlich geblieben. Sie hatte nicht gelitten. Sie hatte nur gewartet.

Das ärgerte Mara mehr, als es sollte.

Sie stand auf, ging zur Theke und suchte in der Schublade nach dem alten Schlüsselbund, den Jonas gestern dort abgelegt hatte. Es waren zu viele Schlüssel daran. Kleine Messingschlüssel, grobe Kellerschlüssel, drei mit roten Anhängern, zwei ohne jede Markierung. Einer trug noch Elises Handschrift. Eine schmale, etwas geneigte Schrift, die Mara sofort erkannte, obwohl sie sie nie hatte lieben wollen.

Oben.

Mehr stand nicht auf dem Anhänger.

Mara nahm den Schlüsselbund nicht heraus. Sie legte die Hand nur darauf und ließ sie dort liegen.

Oben.

Das Wort reichte, um den Blick zur Decke zu heben.

Über ihr lag das Zimmer. Nicht direkt über dem Café, vielleicht ein wenig versetzt, je nachdem, welche Baupläne stimmten und welchen man glauben durfte. Das Zimmer über dem See. Die vergangenen Wochen hatten sie durch Wände, Briefe, Keller, Treppen und Heddas Schubladen geführt. Sie hatte geglaubt, mit Claras Brief sei etwas zu Ende gegangen.

Stattdessen hatte Clara ihr eine Tür gezeigt.

Nicht irgendeine.

Die Tür oben.

Mara nahm den Schlüsselbund, aber sie ging nicht sofort zur Treppe.

Sie hasste das an sich. Dass sie inzwischen wusste, wie sie sich bewegte, wenn Angst sie steuerte. Erst sachlich werden. Erst ordnen. Erst noch eine Tasse wegstellen, ein Papier glätten, einen Stuhl zurückschieben. Erst so tun, als sei Kontrolle dasselbe wie Mut.

Sie stellte die Tasse in die Spüle.

Der Kaffee hinterließ einen dunklen Rand.

Elise hatte solche Ränder nie stehen lassen. Mara sah sie vor sich, wie sie mit einem feuchten Lappen über die Tische ging, kurz, genau, ohne viel Kraft. Ihre Mutter hatte viele Dinge sauber gehalten. Tische. Tassen. Fenster. Den Tresen. Ihre Stimme.

Nicht die Wahrheit.

Mara drehte den Wasserhahn auf, ließ das Wasser kurz über den Tassenrand laufen und stellte die Tasse dann doch ungereinigt zur Seite. Nicht heute.

Als sie sich umwandte, stand Jonas im Türrahmen.

Er hatte nicht geklopft. Oder sie hatte es nicht gehört.

Er trug eine dunkle Jacke, die an den Schultern noch feucht war. Sein Haar lag flach an der Stirn, als hätte der Morgen ihn nicht ganz eingelassen. In einer Hand hielt er eine Papiertüte, in der anderen einen Zollstock. Er sah zum Tisch, dann zum Schlüsselbund in Maras Hand.

„Du warst schon wach“, sagte er.

„Ich war nicht wirklich weg.“

Jonas nickte, als verstünde er den Unterschied. Vielleicht tat er das. Vielleicht war er selbst in dieser Nacht nicht weit gekommen.

Er legte die Tüte auf den Tresen. „Frau Baumann hat mich abgefangen. Sie meinte, du würdest nichts essen.“

„Das ist keine neue Information.“

„Nein.“ Er sah zum Tisch. „Aber offenbar eine wichtige.“

Mara hätte fast gelächelt. Es kam nicht weit genug.

Jonas trat näher, blieb aber vor dem Tisch stehen, als brauche er eine Erlaubnis, die Dinge darauf anzusehen. Das war neu. Früher hätte er einfach hingeschaut, vielleicht aus Sorge, vielleicht aus alter Gewohnheit, Dinge im Haus zu prüfen, bevor jemand anderes sich daran verletzte. Jetzt wartete er.

Mara wusste nicht, ob sie ihm dafür dankbar war oder ob es sie wütend machte.

„Du darfst sie ansehen“, sagte sie.

Er beugte sich über die Karte, berührte sie aber nicht.

„Zimmer über dem See“, las er leise.

Das Café schien stiller zu werden, sobald jemand die Worte aussprach.

Jonas zog die Augenbrauen zusammen. „Siebzehnter Juli.“

„1996.“

„Und W.“

Mara legte den Schlüsselbund auf den Tisch. Das Metall klirrte zu laut. „Ich dachte, wenn ich es laut genug ansehe, wird daraus vielleicht ein Name.“

„Wird es nicht.“

„Danke.“

„Ich meine nur—“

„Ich weiß, was du meinst.“

Er schwieg. Das konnte er inzwischen besser. Nicht vollständig, nicht immer, aber besser als zu Beginn. Mara sah seine Hände. An einem Finger klebte ein feiner Splitter Holz, den er offenbar nicht bemerkt hatte. Seine Nägel waren sauberer als gestern, aber in den Rillen saß noch Staub. Das Haus blieb an denen hängen, die es berührten.

„Willst du nach oben?“, fragte er.

Mara sah zur Treppe.

Die alte Treppe führte vom Café hinauf in den privaten Bereich. Sie hatte gestern anders ausgesehen. Oder Mara hatte anders auf sie gesehen. Seit sie wusste, was unter einer ihrer Stufen verborgen gewesen war, war keine Treppe mehr einfach eine Treppe.

„Nicht sofort.“

„Gut.“

„Gut?“

Jonas hob den Blick. „Ja. Gut. Nicht aus Panik.“

Mara sah ihn scharf an.

Er wich nicht zurück, aber seine Stimme wurde vorsichtiger. „Du hast das gestern gesagt. Oder nicht genau so. Aber es klang so.“

Sie erinnerte sich nicht. Gestern war eine Reihe von Sätzen gewesen, die nicht mehr alle ihr gehörten. Heddas Stimme. Brandts Zusammenbruch. Claras Brief. Jonas, der neben ihr gestanden hatte, manchmal zu nah, manchmal nicht nah genug. Und Elise in allem, ohne je im Raum zu sein.

Mara setzte sich wieder.

Jonas blieb stehen.

„Setz dich“, sagte sie.

Er tat es, langsam, auf den Stuhl gegenüber. Nicht auf Elises Platz. Mara wusste nicht, warum sie das bemerkte. Oder warum es sie beruhigte.

Zwischen ihnen lagen Claras Brief und die Karte.

„Was weißt du über das Zimmer?“, fragte Mara.

Jonas sah nicht sofort zu ihr. Er sah auf die Karte, dann zum Fenster, dann wieder auf seine Hände.

„Nicht genug.“

„Das ist der Satz, den hier alle sagen, kurz bevor genug kommt.“

Er nahm den Splitter aus seinem Finger, betrachtete ihn kurz und legte ihn auf den Rand eines Untertellers. „Es war früher ein Gästezimmer. Offiziell jedenfalls.“

„Offiziell.“

„Elise hat es später als Abstellraum benutzt. Zumindest hat sie das gesagt.“

„Zu dir?“

„Zu meinem Vater. Zu mir nur indirekt.“

Mara spürte, wie sich bei dem Wort Vater etwas in ihr schloss. Nicht bei Jonas' Vater allein. Bei Vätern überhaupt. Bei Männern, die in Sätzen auftauchten, aber nicht in Antworten.

„Und du warst darin?“

„Einmal. Vor Jahren. Sehr kurz.“

„Warum?“

„Wasserfleck an der Decke im Flur. Elise dachte, es käme von dort. Kam es nicht.“

„Und?“

„Es war vollgestellt.“

„Mit was?“

Jonas atmete ein. „Kartons. Alte Stühle. Ein Bettgestell vielleicht. Ich erinnere mich nicht genau.“

„Du erinnerst dich, wenn eine Diele einen Millimeter schief liegt.“

„Ja.“

„Aber nicht an ein Zimmer?“

Er sah sie jetzt an. „Ich erinnere mich daran, dass ich nicht lange drin war.“

Mara schwieg.

Draußen zog ein Wind über den See. Das Wasser veränderte die Farbe, von graublau zu einem stumpfen Silber, als habe jemand Licht darüber geschoben und gleich wieder zurückgenommen. In der Scheibe spiegelte sich der Tisch: Claras Brief, die Karte, Jonas' Hände, Maras unbeweglicher Blick.

„Hat Elise dich rausgeschickt?“, fragte sie.

„Nein.“

„Wer dann?“

Jonas schwieg. Zu schnell.

Das war Antwort genug.

Mara lehnte sich zurück. Der Stuhl knarrte unter ihr, ein alter, heiserer Ton.

„Dein Vater.“

„Er war unten.“

„Das ist keine Antwort.“

„Nein.“

Sie wartete.

Jonas sah zur Treppe. „Er sagte, Elise wolle nicht, dass jemand oben herumläuft. Ich war sechzehn oder siebzehn. Es war nicht mein Haus. Nicht meine Geschichte.“

„Es war aber euer Schweigen.“

Der Satz kam härter heraus, als sie geplant hatte.

Jonas nahm ihn hin. Nicht gut, nicht leicht, aber ohne Gegenwehr. Das war das Schlimme. Hätte er sich verteidigt, hätte Mara wütender werden können. So blieb ihr nur die Wahrheit des Satzes, und die war schwer genug.

„Ja“, sagte er.

Mara wollte etwas erwidern, aber im gleichen Moment tickte irgendwo über ihnen ein Heizungsrohr. Ein einzelner Ton. Dann noch einer. Kein Kratzen, kein Schritt. Nur das alte Haus, das sich in den Morgen hinein dehnte.

Trotzdem sahen beide nach oben.

Das Zimmer über dem See war still.

Gerade deshalb war es da.

Mara zog Claras Brief näher zu sich. Sie musste ihn nicht noch einmal lesen, nicht ganz. Die letzten Zeilen standen ohnehin in ihr.

Liebe Mara, wenn du das liest, hat deine Mutter endlich aufgehört zu schweigen.

Sie fuhr mit dem Finger nicht über die Worte. Sie berührte nur den unteren Rand des Papiers, dort, wo Claras Hand vielleicht kurz gezögert hatte. Oder wo Mara jetzt eine Pause hineinlas, weil sie eine brauchte.

„Clara wollte, dass ich nach oben gehe“, sagte sie.

„Vielleicht wollte sie, dass du weißt, dass es oben weitergeht.“

„Das ist dasselbe.“

„Nicht ganz.“

Mara sah ihn an.

Jonas hob leicht die Schultern. „Nach oben gehen ist eine Handlung. Wissen, dass es oben weitergeht, ist eine Entscheidung. Du musst nicht beides im selben Moment tun.“

Sie hasste, dass er recht hatte.

Sie hasste noch mehr, dass sie es hören wollte.

„Seit wann sagst du kluge Dinge?“

„Seit ich weniger sichere Dinge sage.“

Diesmal kam das Lächeln näher. Es blieb klein, aber es war da. Gleich darauf verschwand es wieder.

Mara nahm die Reservierungskarte und stellte sie senkrecht auf den Tisch, als könne sie sich auf diese Weise besser gegen sie wehren. Das Licht aus dem Fenster fiel durch den dünnen Karton nicht hindurch, aber es zeigte die Vertiefungen der Schreibmaschine deutlicher.

Zimmer über dem See.

17. Juli 1996.

W.

„Wer bucht ein Zimmer nur mit einem Buchstaben?“, fragte sie.

„Jemand, der nicht gefunden werden will.“

„Oder jemand, den andere nicht finden lassen wollen.“

Jonas nickte.

Mara drehte die Karte ein Stück zwischen den Fingern. Der Rand war nicht gerade. An der rechten Seite fehlte ein winziges Stück, als wäre sie aus einem Stapel gerissen worden. Kein Waffenstück, kein großer Beweis. Nur ein beschädigter Karton. Aber in diesem Haus hatten die kleinen Dinge gelernt, schlimmer zu sein als die großen.

„Elise hat die Karte aufgehoben“, sagte Mara.

„Ja.“

„Warum?“

„Vielleicht, weil sie nicht alles vernichten konnte.“

„Oder weil sie wollte, dass ich sie finde.“

Jonas sagte nichts.

Mara sah ihn an. „Glaubst du das?“

„Ich weiß es nicht.“

„Das ist ehrlich.“

„Es ist nicht hilfreich.“

„Doch.“ Sie legte die Karte wieder hin. „Es ist hilfreicher als Schutz.“

Das Wort blieb zwischen ihnen liegen.

Schutz.

Es hatte in diesem Haus zu viele Dinge bedeutet. Liebe. Angst. Feigheit. Kontrolle. Briefe in Schubladen. Türen, die nicht geöffnet wurden. Männer, die nicht handelten. Frauen, die verschwanden, ohne ganz fortzugehen. Kinder, denen man später erzählte, sie hätten nichts verpasst.

Mara stand auf.

Diesmal nahm sie den Schlüsselbund mit.

Jonas bewegte sich ebenfalls, stoppte aber, bevor er ganz aufstand. „Soll ich mitkommen?“

Mara blickte zur Treppe.

Eine Antwort kam nicht sofort. Früher wäre sie allein gegangen, um niemandem die Möglichkeit zu geben, sie aufzuhalten. Gestern vielleicht noch. Jetzt spürte sie, dass Alleingehen nicht immer Stärke war. Manchmal war es nur eine ältere Form der Flucht.

„Bis zur Tür“, sagte sie.

Jonas nickte.

Mehr nicht.

Sie gingen durch das Café. Die Stühle standen noch nicht wieder richtig. Einer lag auf der Seite, seit gestern, als sie ihn im Vorbeigehen gestoßen und nicht aufgehoben hatte. Mara stellte ihn jetzt nicht auf. Das Haus durfte sehen, dass etwas geschehen war.

Am Fuß der Treppe blieb sie stehen.

Die erste Stufe sah aus wie alle anderen. Nur Mara wusste, dass das nicht stimmte. Unter ihr hatte Claras Siegel gewartet. Unter ihr hatte ein Brief gelegen, der nicht mehr nur Vergangenheit war. Sie setzte den Fuß auf die Stufe und spürte, wie das Holz leicht nachgab. Nicht schwach. Nur alt.

Jonas blieb eine Stufe hinter ihr.

Das Treppenhaus roch kühler als das Café. Nach Kalk, altem Lack und dem Staub, der sich in Ecken sammelte, die niemand regelmäßig sah. Durch ein schmales Fenster fiel Licht auf die Wand. Es war schwaches Licht, aber es reichte, um Risse in der Farbe sichtbar zu machen.

Auf halber Höhe blieb Mara stehen.

Oben begann der Flur.

Sie hatte ihn als Kind größer in Erinnerung gehabt. Länger. Dunkler. Vielleicht hatte alles, wovor man sich fürchtete, früher mehr Platz gehabt. Heute war es nur ein schmaler Gang mit drei Türen, einem alten Läufer und einer Kommode, auf der eine leere Vase stand.

Aber die Luft war anders.

Nicht kälter.

Wartender.

Die Tür am Ende des Flurs war geschlossen.

Mara wusste es, bevor Jonas etwas sagte.

„Das ist sie?“, fragte sie.

„Ja.“

Zimmer über dem See.

Die Tür war aus dunklem Holz, schmaler als die anderen, mit einem Messingschild, das irgendwann entfernt worden war. Man sah noch die helleren Stellen, an denen es gesessen hatte. Zwei kleine Schraublöcher. Ein rechteckiger Schatten. Als hätte jemand nicht nur einen Namen entfernt, sondern die Tatsache, dass dort je einer gewesen war.

Mara trat näher.

Das Holz roch anders als unten. Trockener. Dahinter lag kein Geräusch.

Sie hob den Schlüsselbund. Die Schlüssel schlugen leise gegeneinander. Jonas hielt Abstand. Er tat nichts, was wie Drängen aussah.

Mara suchte den Schlüssel mit Elises Anhänger.

Oben.

Ihre Finger waren trocken. Sie merkte es, weil das Papier der Reservierungskarte, das sie in der anderen Hand hielt, plötzlich an ihrer Haut zu kleben schien. Sie hatte sie mitgenommen, ohne es zu merken.

„Mara“, sagte Jonas leise.

„Was?“

„Du musst nicht heute.“

Sie sah auf die Tür.

Dann auf die Karte.

„Doch“, sagte sie. „Vielleicht nicht hinein. Aber bis hierher schon.“

Sie steckte den Schlüssel ins Schloss.

Er passte nicht.

Nicht ein bisschen.

Mara versuchte es noch einmal, langsamer, obwohl sie sofort gewusst hatte, dass der Bart nicht greifen würde. Metall stieß gegen Metall. Kein Drehen. Kein Nachgeben.

Jonas trat nun doch näher. „Darf ich?“

Sie gab ihm den Schlüssel, ohne ihn anzusehen.

Er prüfte ihn, dann das Schloss. Nicht lange. Seine Hand wusste schneller, was falsch war, als sein Mund es sagen wollte.

„Der gehört nicht dazu“, sagte er.

„Elise hat ihn beschriftet.“

„Ich weiß.“

„Dann?“

Jonas kniete sich vor die Tür und betrachtete das Schloss. Er strich mit dem Daumen über die Rosette. „Das Schloss wurde gewechselt.“

Mara hörte den Satz, aber er kam nicht sofort bei ihr an. Er blieb im Flur hängen, zwischen der alten Vase und dem hellen Fleck, wo das Schild gefehlt hatte.

„Wann?“

„Nicht neu. Aber später als die Tür.“

„Nach 1996?“

Jonas schwieg einen Moment zu lang.

„Wahrscheinlich.“

Mara sah die Karte an. Der Buchstabe W stand plötzlich nicht mehr auf Papier, sondern auf der Tür. Auf dem entfernten Schild. Auf dem falschen Schlüssel. Auf dem Schloss, das jemand ausgetauscht hatte, damit ein beschrifteter Schlüssel nicht mehr genügte.

„Jemand wollte nicht, dass Elise noch hinein konnte“, sagte sie.

„Oder nicht, dass jemand mit Elises Sachen hinein konnte.“

Sie drehte den Kopf zu ihm.

Jonas stand langsam auf. „Das ist nicht dasselbe.“

Nein, dachte Mara.

Nichts war hier dasselbe.

Sie schob die Reservierungskarte in die Manteltasche, aber der Karton widerstand an der Kante. Sie zog ihn wieder heraus, um ihn nicht zu knicken. Dabei drehte sie ihn unabsichtlich um.

Zum ersten Mal sah sie die Rückseite.

Dort stand etwas.

Nicht mit Schreibmaschine. Nicht in Elises Handschrift. Dünn, fast in das Papier gedrückt, als hätte jemand mit zu wenig Licht und zu viel Eile geschrieben.

7A.

Mara blinzelte.

„Jonas.“

Er sah zuerst auf ihr Gesicht, dann auf die Karte.

„Was ist?“

Sie hielt ihm die Rückseite hin.

Er nahm sie nicht. Er las nur.

Seine Stirn legte sich in Falten.

„Das ist keine Zimmernummer“, sagte Mara.

Jonas antwortete nicht.

Sie sah zur Tür, dann den Flur entlang, zu den anderen Türen, zur Kommode, zur leeren Vase, zu den Schatten an der Wand.

„Oder?“

Jonas sah noch immer auf die Rückseite der Karte.

Als er sprach, war seine Stimme leiser als vorher.

„Offiziell nicht.“

Mara spürte, wie sich der Flur um sie herum veränderte. Nicht sichtbar. Nicht laut. Aber etwas hatte sich geöffnet, ohne dass die Tür aufgegangen war.

Auf der Karte stand eine Zimmernummer.

Eine Nummer, die es im Seehaus offiziell nie gegeben hatte.

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Häufige Fragen

Worum geht es in »Die Frau im Zimmer über dem See«?

Ein Zimmer über dem See, das offiziell nie vergeben wurde. Eine Reservierungskarte mit nur einem Buchstaben: W. Und ein Haus, das sich erinnert, auch wenn die Menschen schweigen. Mara Lenz hat das Seehaus-Café nicht verkauft. Sie ist geblieben – und sie steigt die alte Treppe hinauf, in das verschlossene Zimmer über de

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Es ist Band 2 der Reihe »Die Seehaus-Geheimnisse«.

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Ja. Das komplette erste Kapitel »Die Karte mit dem Buchstaben W« steht hier kostenlos zum Lesen und als Hörprobe zum Anhören.

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