lern-digital.de — Bücher von Andreas Reis

Das Café der verschwundenen Briefe

Cover: Das Café der verschwundenen Briefe

Ein Cosy-Krimi um ein altes Café, verschwundene Briefe und ein Familiengeheimnis am See

Deutsch Band 1 der Reihe »Die Seehaus-Geheimnisse« von Andreas Reis.

Bei Amazon ansehen Weitere Ausgabe

Worum es geht

Ein altes Café am See. Eine Kiste voller Briefe, die nie abgeschickt wurden. Und ein Dorf, das seit dreißig Jahren schweigt.

Als Mara Lenz das Seehaus-Café ihrer verstorbenen Mutter am Falkensee erbt, will sie nur eines: den Schlüssel abgeben, verkaufen und nie wieder an diesen Ort zurückkehren, den sie mit sechzehn fluchtartig verlassen hat.

Doch hinter einer morschen Wand findet sie eine Blechkiste voller alter Briefe. Keiner wurde je abgeschickt. Alle stammen von einer Frau, die vor dreißig Jahren aus Falkensee verschwand – und über die im Dorf bis heute niemand sprechen will.

Je länger Mara bleibt, desto deutlicher spürt sie: Das Schweigen der Menschen am See ist keine Vergesslichkeit. Es ist eine Entscheidung.

Ein atmosphärischer Cosy-Krimi über Familiengeheimnisse, verschwundene Briefe und die Frage, wie gefährlich Wahrheit nach dreißig Jahren noch sein kann. Auftakt der Reihe „Die Seehaus-Geheimnisse“ – für alle, die emotionale Geheimnis-Romane mit Herz, Tiefe und Sog lieben. Jetzt mit Kindle Unlimited lesen.

Auf einen Blick

Reihe
Die Seehaus-Geheimnisse, Band 1
Umfang
531 Seiten (Taschenbuch)
Ausgaben
Kindle, Paperback
Sprache
Deutsch
Autor
Andreas Reis
Leseprobe
Kapitel 1 vollständig, kostenlos

Hörprobe: Kapitel 1 zum Anhören

Das komplette erste Kapitel, ungekürzt vorgelesen (21:40 Minuten). Die Aufnahme nutzt eine synthetische Stimme.

Leseprobe: Der Anruf aus Falkensee

Das erste Kapitel in voller Länge (2691 Wörter) - kostenlos lesen, ohne Anmeldung.

Der Fleck an der Küchendecke war über Nacht dunkler geworden.

Mara Lenz stand barfuß auf den kalten Fliesen und sah zu ihm hinauf, als könnte sie ihn durch bloßes Anstarren zum Verschwinden bringen. Das tat sie seit drei Tagen. Jeden Morgen, bevor sie Kaffee machte. Jeden Abend, bevor sie das Licht ausschaltete. Der Fleck begann direkt über dem schmalen Hängeschrank, breitete sich in einem unregelmäßigen Halbkreis aus und hatte am Rand eine Farbe angenommen, die Mara an alten Tee erinnerte.

Sie hatte die Hausverwaltung noch nicht angerufen.

Nicht, weil sie keine Zeit gehabt hätte. Nicht einmal, weil sie glaubte, es könne von selbst besser werden. Sondern weil ein Anruf immer bedeutete, dass jemand kam. Jemand, der Fragen stellte, durch ihre Wohnung ging, Dinge sah, die eigentlich niemanden etwas angingen: die ungeöffneten Umschläge auf der Kommode, die Bücherstapel neben dem Sofa, die gerahmten Bilder, die seit Monaten mit der Vorderseite zur Wand standen.

Mara mochte es nicht, wenn fremde Menschen in ihre Räume kamen.

Sie mochte es noch weniger, wenn alte Dinge an die Oberfläche drängten.

Der Wasserkocher klickte. Das Geräusch war klein, beinahe höflich, und trotzdem zuckte sie zusammen. Sie wandte sich von der Decke ab, füllte den Kaffee auf und sah zu, wie sich dunkle Schlieren im Wasser lösten. Draußen hing Stuttgart grau zwischen den Häusern. Regen zog in feinen Linien über die Scheibe, so gleichmäßig, als hätte jemand einen Vorhang aus Glasfäden vor die Stadt gehängt.

Dienstagmorgen.

Acht Uhr siebzehn.

Ein normaler Tag, sagte Mara sich.

Ein Tag, an dem sie eine Rechnung überweisen, zwei Kundentermine verschieben und endlich die Hausverwaltung wegen des Flecks anrufen würde. Ein Tag, an dem nichts aus der Vergangenheit durch eine undichte Stelle in ihr Leben tropfen musste.

Sie nahm die Tasse, ging zum Küchentisch und schob mit dem Unterarm einen Stapel Papier beiseite. Stoffmuster, Grundrisskopien, alte Skizzen. Auf einem Zettel hatte sie am Abend zuvor notiert: Küche Familie Schreiber — Lichtkonzept überarbeiten. Darunter, ohne zu wissen warum, hatte sie einen kleinen Kreis gezeichnet. Einen See vielleicht. Oder nur einen Fleck.

Ihr Handy vibrierte.

Mara sah nicht sofort hin.

Es lag neben der Zuckerdose, Display nach oben, und wanderte bei jedem Vibrieren ein winziges Stück über die Tischplatte. Eine unbekannte Nummer. Keine Stuttgarter Vorwahl. Keine Kundin, niemand aus dem Büro. Wahrscheinlich Werbung. Eine Versicherung. Ein falsch gewählter Anschluss.

Sie hätte es klingeln lassen können.

Später würde sie sich oft fragen, warum sie es nicht getan hatte. Warum sie an diesem Morgen, mit nassen Haaren und müden Augen, mit dem Geschmack von zu starkem Kaffee auf der Zunge, nach dem Telefon griff. Vielleicht, weil sie seit Wochen zu viele Dinge nicht getan hatte. Vielleicht, weil der Fleck an der Decke ihr das Gefühl gab, dass Wegsehen nicht mehr ausreichte.

Oder vielleicht, dachte sie später, hatte die Vergangenheit einfach lange genug gewartet.

„Lenz?“, sagte sie.

Am anderen Ende war zuerst nur ein leises Atmen. Dann raschelte Papier.

„Spreche ich mit Frau Mara Lenz?“

Die Stimme gehörte einem Mann. Ruhig, älter, sorgfältig. Einer von denen, die jedes Wort so aussprachen, als könne es später in einer Akte landen.

„Ja.“

„Mein Name ist Dr. Hagedorn. Ich bin Notar in Falkensee.“

Mara stellte die Tasse ab.

Nicht laut. Nicht hastig. Nur sehr genau, als müsse sie verhindern, dass auch nur ein Tropfen überschwappt.

Falkensee.

Der Name passte nicht in ihre Küche. Er passte nicht zu dem Wasserfleck, nicht zu dem grauen Stuttgarter Morgen, nicht zu der Rechnung auf dem Tisch. Er gehörte zu einer anderen Luft. Zu feuchtem Holz. Zu Sommern, die nach Kaffee, Seewasser und gebranntem Zucker gerochen hatten. Zu einem Haus mit grünen Fensterläden und einer Treppe, die nachts knarrte.

Zu ihrer Mutter.

Mara zog die Finger von der Tasse zurück.

„Worum geht es?“

Wieder raschelte Papier. Der Mann räusperte sich, aber etwas in diesem Räuspern war zu vorsichtig.

„Frau Lenz, es tut mir leid, Ihnen das telefonisch mitteilen zu müssen. Ihre Mutter, Frau Elise Lenz, ist vor drei Tagen verstorben.“

Mara sagte nichts.

Der Regen an der Fensterscheibe wurde lauter. Oder vielleicht hörte sie ihn nur deutlicher. Ein Auto fuhr durch die Straße, die Reifen zischten auf nassem Asphalt. Aus der Wohnung über ihr kam ein dumpfer Schritt, dann ein zweiter. Irgendwo tropfte Wasser in eine Schüssel. Ein gleichmäßiges, geduldiges Geräusch.

Ihre Mutter war tot.

Der Satz kam an. Er erreichte sie wie ein Brief, der nach Jahren zugestellt wurde, aber er fand keinen Ort, an dem er liegen durfte.

Elise Lenz.

Mara hatte den Namen seit Monaten nicht laut ausgesprochen. Vielleicht seit Jahren nicht in einem Satz, der nicht kalt oder notwendig gewesen war. Meine Mutter. Ihre Mutter. Frau Lenz. Nie Mama. Nicht mehr.

„Frau Lenz?“, fragte der Notar. „Sind Sie noch da?“

Mara merkte, dass sie die Luft angehalten hatte.

„Ja.“ Ihre Stimme klang dünn. „Ja, ich bin da.“

„Es tut mir sehr leid.“

Sie nickte, obwohl er es nicht sehen konnte. Das war das Absurde an solchen Sätzen. Sie verlangten nach einer Antwort, aber keine Antwort passte. Danke? Schon gut? Das macht nichts?

Es machte etwas.

Nur wusste Mara nicht, was.

Sie hatte sich über Jahre auf diese Nachricht vorbereitet, ohne es sich einzugestehen. Es gab Nächte, in denen sie wach gelegen und sich vorgestellt hatte, wie jemand anrief. Ein Arzt. Ein Nachbar. Ein Polizist. Sie hatte gedacht, sie würde weinen. Oder wütend werden. Oder einfach auflegen.

Stattdessen stand sie in ihrer Küche und sah zu, wie sich auf der Oberfläche ihres Kaffees ein heller Rand bildete.

„Ihre Mutter hat Sie in ihrem Testament als Alleinerbin eingesetzt“, sagte Dr. Hagedorn.

Mara schloss die Augen.

Natürlich.

Elise hatte immer gewusst, wie man jemanden auch aus der Ferne an einen Tisch zwang.

„Ich verstehe nicht“, sagte Mara.

„Es geht um einige Unterlagen, die wir besprechen müssen. Außerdem um eine Immobilie.“

„Eine Immobilie?“

Eine Pause.

„Das ehemalige Café am See. Das Seehaus.“

Das Wort traf sie härter als die Nachricht vom Tod.

Seehaus.

Für einen Moment stand die Küche nicht mehr um sie herum. Da war ein anderer Raum. Warmes Holz. Eine Theke mit abgegriffener Kante. Porzellantassen, die in ungleichen Reihen hingen. Draußen das Licht auf dem Wasser. Ihre Mutter am Fenster, den Rücken zu Mara, die Arme verschränkt, als würde sie etwas festhalten, das sonst aus ihr herausbrechen könnte.

Manche Dinge bleiben besser unter Wasser, hatte Elise einmal gesagt.

Mara war damals sechzehn gewesen.

Sie hatte nicht verstanden, ob ihre Mutter vom See sprach oder von ihnen.

„Nein“, sagte Mara.

Das Wort kam sofort. Zu schnell vielleicht, aber klar.

„Frau Lenz?“

„Nein. Ich will es nicht.“

Der Notar schwieg.

Dieses Schweigen ärgerte sie. Es war zu professionell. Zu geduldig. Als hätte er mit so etwas gerechnet.

„Sie können es verkaufen“, sagte Mara. „Oder die Stadt. Oder wer auch immer dafür zuständig ist. Ich unterschreibe, was nötig ist.“

„So einfach ist es leider nicht.“

Mara lachte einmal kurz auf. Nicht, weil etwas daran komisch war.

„Doch“, sagte sie. „Eigentum kann man verkaufen. Dafür braucht man meistens nur jemanden, der es haben will.“

„In diesem Fall gibt es eine testamentarische Verfügung.“

„Dann ignorieren Sie sie.“

„Das kann ich nicht.“

Mara trat vom Tisch zurück. Die Fliesen waren kalt unter ihren Füßen. Sie hatte plötzlich das Bedürfnis, ein Fenster zu öffnen, obwohl es draußen regnete.

„Was für eine Verfügung?“

Dr. Hagedorn atmete hörbar ein.

„Ihre Mutter hat festgelegt, dass Sie den Schlüssel zum Seehaus persönlich entgegennehmen sollen, bevor über Verkauf, Vermietung oder Abriss entschieden werden kann.“

„Abriss?“

„Das Gebäude ist in keinem guten Zustand. Nach den ersten Unterlagen, die mir vorliegen, gibt es Feuchtigkeitsschäden, möglicherweise auch Probleme mit der Statik im hinteren Bereich. Es stand lange leer.“

Mara sah wieder zur Decke.

Der Fleck dort oben wirkte plötzlich wie ein kleines, armseliges Echo.

„Dann ist es wertlos.“

„Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“

„Für mich ist es wertlos.“

Der Satz war draußen, bevor sie ihn prüfen konnte.

Am anderen Ende blieb es still. Mara stellte sich den Notar vor, wie er in einem Büro saß, das nach Papier und poliertem Holz roch. Vielleicht hatte er eine silberne Lesebrille. Vielleicht lag vor ihm eine Mappe mit ihrem Namen. Mara Lenz. Tochter. Alleinerbin. Abwesend seit achtzehn Jahren.

„Ihre Mutter hat außerdem einen Brief für Sie hinterlegt“, sagte er.

Mara schob die freie Hand in die Tasche ihrer Strickjacke und tastete nach nichts.

„Ich möchte keinen Brief.“

„Ich soll Ihnen ausrichten, dass dieser Brief nur im Zusammenhang mit dem Schlüssel übergeben werden darf.“

„Dann behalten Sie beides.“

„Frau Lenz.“ Zum ersten Mal wurde seine Stimme weicher. Nicht unprofessionell, nur menschlicher. „Ich verstehe, dass diese Nachricht schwierig ist.“

„Nein“, sagte Mara. „Das tun Sie nicht.“

Sie meinte es nicht scharf. Nicht ganz. Aber der Satz schnitt trotzdem.

Der Notar nahm ihn hin.

„Vermutlich nicht“, sagte er nach einer Weile.

Das brachte sie aus dem Gleichgewicht. Sie hatte mit einer höflichen Floskel gerechnet, nicht mit Zustimmung.

„Aber ich bin verpflichtet, den Willen Ihrer Mutter umzusetzen“, fuhr er fort. „Und ich denke, Sie sollten den Brief zumindest sehen, bevor Sie entscheiden.“

„Warum?“

„Weil er nicht neu ist.“

Mara runzelte die Stirn.

„Was heißt das?“

Papier raschelte. Diesmal langsamer.

„Der Umschlag trägt ein Datum. Er wurde vor achtzehn Jahren geschrieben.“

Die Küche wurde still.

Nicht wirklich. Der Regen blieb. Das Tropfen blieb. Irgendwo summte der Kühlschrank. Aber alles rückte zurück, als hätte jemand die Welt hinter eine Glasscheibe geschoben.

Achtzehn Jahre.

Mara war sechzehn gewesen.

Sechzehn und wütend. Sechzehn und barfuß auf dem Bootssteg, die Jeans bis zu den Knien nass, ihre Mutter am Ufer, blass vor Zorn oder Angst. Mara erinnerte sich an ihre eigene Stimme, viel zu laut über dem Wasser. An Elises Hand an ihrem Arm. An den Schmerz, als sie sich losriss.

Und an den Satz, den ihre Mutter an diesem Abend gesagt hatte.

Geh nie wieder in dieses Haus.

Nicht: Geh heute nicht mehr hinein.

Nicht: Warte, bis ich es dir erklären kann.

Nie wieder.

Am nächsten Morgen hatte Mara Falkensee verlassen.

„Frau Lenz?“, fragte Dr. Hagedorn.

Mara hörte ihren Namen, aber sie brauchte einen Moment, bis sie ihn sich selbst zuordnen konnte.

„Achtzehn Jahre“, sagte sie.

„Ja.“

„Warum hat sie ihn nicht geschickt?“

„Das weiß ich nicht.“

„Hat sie Ihnen gesagt, worum es geht?“

„Nein.“

„Haben Sie ihn gelesen?“

„Selbstverständlich nicht.“

Da war wieder diese Aktenstimme. Ordentlich. Versiegelt. Als könnte ein ungeöffneter Umschlag unschuldig sein.

Mara drehte sich zum Fenster. Auf der anderen Straßenseite zog eine Frau ein Kind unter einen roten Regenschirm. Das Kind lachte, weil eine Pfütze spritzte. Für einen Augenblick sah alles so schmerzhaft normal aus, dass Mara die Hand an die Tischkante legen musste.

Ihre Mutter hatte ihr vor achtzehn Jahren einen Brief geschrieben.

Und ihn nie geschickt.

Das passte zu Elise. Zu ihrer Art, Dinge aufzubewahren, bis sie schwer wurden. Rechnungen in Schubladen. Alte Fotos in Schachteln. Sätze hinter den Zähnen. Wahrheiten hinter verschlossenen Türen.

„Ich kann nicht kommen“, sagte Mara.

Sie wusste nicht, ob es eine Lüge war.

„Wann hätten Sie denn Zeit?“

„Sie verstehen nicht. Ich komme nicht nach Falkensee.“

„Ihre Mutter hat ausdrücklich darum gebeten.“

„Meine Mutter hat vieles ausdrücklich getan.“

Der Satz hing zwischen ihnen.

Mara bereute ihn nicht. Aber er machte etwas in ihr müde.

Dr. Hagedorn sagte nichts. Vielleicht war das seine Stärke. Er füllte die Stille nicht. Er ließ sie arbeiten.

Mara nahm die Tasse wieder in die Hand. Der Kaffee war inzwischen lauwarm. Sie trank trotzdem. Er schmeckte bitter und dünn.

„Was passiert, wenn ich nicht komme?“

„Dann bleibt die Angelegenheit vorerst offen.“

„Das Haus?“

„Das Haus, der Schlüssel, der Brief, die weiteren Unterlagen.“

„Und wenn es einstürzt?“

„Dann wäre das kompliziert.“

„Kompliziert ist kein Argument.“

„Nein“, sagte er. „Aber manchmal ein Zustand.“

Mara hätte beinahe wieder gelacht. Diesmal nicht ganz ohne Grund.

Sie stellte die Tasse ab, zu nah an den Rand. Ein wenig Kaffee schwappte über und lief in einer dunklen Spur über den Tisch. Mara griff nach einem Tuch, fand keines und wischte schließlich mit der Handkante darüber. Der Kaffee zog eine braune Linie über ihre Haut.

Wie Tinte.

Wie etwas, das geschrieben worden war und sich nicht mehr ganz entfernen ließ.

„Frau Lenz“, sagte der Notar, „ich kann Ihnen einen Termin morgen Nachmittag anbieten. Oder übermorgen Vormittag.“

Mara sah auf ihre Hand.

Sie hätte Nein sagen können.

Sie hatte Erfahrung darin. Nein war ein gutes Wort. Kurz, sauber, abschließend. Sie hatte es benutzt, als ihre Mutter vor sechs Jahren überraschend zu Weihnachten angerufen hatte. Sie hatte es benutzt, als ein entfernter Cousin fragte, ob sie zur Beerdigung ihres Onkels nach Falkensee komme. Sie hatte es sich selbst gesagt, jedes Mal, wenn sie im Sommer irgendwo Wasser roch und für einen Sekundenbruchteil an den See denken musste.

Nein.

Aber jetzt lag da ein Brief.

Ein Brief, der älter war als ihr ganzes erwachsenes Leben.

„Morgen geht nicht“, sagte sie.

Die Worte überraschten sie selbst. Nicht weil sie falsch waren, sondern weil sie eine Tür nicht schlossen.

„Übermorgen dann?“

Mara schloss die Augen.

Vor ihr stand das Seehaus. Nicht deutlich, eher wie ein Bild, das zu lange in der Sonne gelegen hatte. Die hölzerne Veranda. Der alte Schriftzug über der Tür. Café Elise, in verschnörkelten Buchstaben. Sie erinnerte sich an den Geruch von frisch gemahlenem Kaffee, an Aprikosenkuchen, an nasse Handtücher auf der Leine. Und an eine Tür im hinteren Flur, die immer abgeschlossen gewesen war.

Sie hatte nie gefragt, was dahinterlag.

Oder doch?

Manche Erinnerungen waren wie beschlagene Fenster. Wenn man zu fest darüberwischte, sah man nicht klarer, sondern nur die Spuren der eigenen Hand.

„Übermorgen“, sagte Mara.

Dr. Hagedorn atmete leise aus. „Um zehn Uhr?“

„Ja.“

„Ich notiere das. Meine Kanzlei befindet sich in der Seestraße zwölf, direkt gegenüber der alten Post.“

Die alte Post.

Mara sah eine schmale Frau hinter einem Schalter vor sich, graues Haar, rote Brille, eine Stimme, die immer zu viel wusste. Hedda Krüger. Sie hatte Mara als Kind manchmal Bonbons zugeschoben, eingewickelt in Papier, das nach Staub und Lavendel roch.

„Frau Lenz?“

„Ja.“

„Es gibt noch etwas.“

Mara wurde still.

Der Notar zögerte. Dieses Mal war es kein professionelles Zögern. Es war ein echtes.

„Der Umschlag Ihrer Mutter enthält außer dem Brief noch einen kleineren, versiegelten Umschlag. Auf diesem steht nur ein Satz.“

Mara spürte, wie ihre Finger sich um das Handy schlossen.

„Welcher Satz?“

„Ich sollte ihn Ihnen eigentlich nicht vorlesen.“

„Dann hätten Sie ihn nicht erwähnen sollen.“

Ein leises Geräusch. Vielleicht ein Stift, der auf Holz gelegt wurde.

„Da haben Sie recht.“

„Was steht darauf?“

Der Notar sagte eine Weile nichts.

Als er sprach, war seine Stimme leiser.

„Für den Fall, dass Mara zurückkehrt.“

Mara bewegte sich nicht.

Der Kaffee auf dem Tisch erreichte den Rand eines Grundrissblattes und zog langsam in das Papier. Die Linien verschwammen. Eine Wand wurde weich, eine Tür verlor ihre Form.

Für den Fall, dass Mara zurückkehrt.

Nicht falls sie kommt.

Nicht falls sie den Brief liest.

Zurückkehrt.

Als wäre Falkensee kein Ort, den man besuchen konnte, sondern einer, dem man gehörte, auch wenn man ihn verließ.

Mara hörte sich selbst fragen: „Von wem ist der zweite Umschlag?“

„Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen.“

„Aber?“

Wieder dieses Rascheln.

„Die Handschrift scheint nicht dieselbe zu sein wie die Ihrer Mutter.“

Draußen schlug Regen gegen die Scheibe.

Mara sah wieder zur Decke. Der dunkle Fleck hatte an seinem unteren Rand einen Tropfen gebildet. Er hing dort, schwer und vollkommen still. Einen Atemzug lang passierte nichts.

Dann fiel er.

Er traf den Küchenschrank mit einem leisen, hellen Klang.

Mara wusste in diesem Moment, dass sie nach Falkensee fahren würde. Nicht, weil sie ihrer Mutter etwas schuldete. Nicht, weil ein Notar sie darum bat. Nicht einmal wegen des Hauses.

Sondern wegen eines Briefes, der achtzehn Jahre geschwiegen hatte.

Und wegen eines zweiten Umschlags, der offenbar auf sie gewartet hatte.

„Übermorgen um zehn“, sagte sie.

„Ich erwarte Sie.“

Mara legte auf.

Sie blieb noch lange in der Küche stehen, das Handy in der Hand, den Blick auf den Wasserfleck gerichtet. Dann griff sie nach einem Tuch und wischte den Kaffee vom Tisch. Das Grundrissblatt war ruiniert. Die Linien ließen sich nicht mehr retten.

Als sie das Papier zusammenfaltete, bemerkte sie, dass der Kaffee genau an einer Stelle eingesickert war, an der sie gestern Abend diesen kleinen Kreis gezeichnet hatte.

Er sah jetzt aus wie ein See.

Weiterlesen: ganzes Buch bei Amazon

Weitere Bände dieser Reihe

DE

Die Frau im Zimmer über dem See

Ein Cosy-Krimi um ein altes Café, ein verschlossenes Zimmer und ein Familiengeheimnis am See

Bei Amazon ansehen
DE

Das Foto, das niemand gemacht hat

Ein Cosy-Krimi um ein altes Foto, einen verschwiegenen Beweis und ein Familiengeheimnis am See

Bei Amazon ansehen
DE

Die Stimme aus dem alten Radio

Ein Cosy-Krimi um ein altes Tonband, eine verschwiegene Stimme und ein Familiengeheimnis am See

Bei Amazon ansehen

Häufige Fragen

Worum geht es in »Das Café der verschwundenen Briefe«?

Ein altes Café am See. Eine Kiste voller Briefe, die nie abgeschickt wurden. Und ein Dorf, das seit dreißig Jahren schweigt. Als Mara Lenz das Seehaus-Café ihrer verstorbenen Mutter am Falkensee erbt, will sie nur eines: den Schlüssel abgeben, verkaufen und nie wieder an diesen Ort zurückkehren, den sie mit sechzehn fl

Von wem ist »Das Café der verschwundenen Briefe«?

»Das Café der verschwundenen Briefe« ist ein Buch von Andreas Reis.

Wo kann ich »Das Café der verschwundenen Briefe« kaufen?

Direkt bei Amazon — als Taschenbuch und als E-Book.

An welcher Stelle der Reihe steht »Das Café der verschwundenen Briefe«?

Es ist Band 1 der Reihe »Die Seehaus-Geheimnisse«.

Gibt es eine Leseprobe zu »Das Café der verschwundenen Briefe«?

Ja. Das komplette erste Kapitel »Der Anruf aus Falkensee« steht hier kostenlos zum Lesen und als Hörprobe zum Anhören.

Links zu Amazon sind Affiliate-Links. Kaufst du darüber, erhalte ich eine kleine Provision — für dich bleibt der Preis gleich.