Artgerechte Pferdehaltung

Die richtige Haltung ist entscheidend für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Pferden. Als ursprüngliche Steppentiere haben Pferde bestimmte Grundbedürfnisse, die auch bei domestizierten Tieren berücksichtigt werden sollten. Auf dieser Seite findest du wichtige Informationen zu verschiedenen Haltungsformen und was bei der Pferdehaltung zu beachten ist.

Haltungsformen im Überblick

Offenstall

Pferde in einem modernen Offenstall mit Auslauf

Bei der Offenstallhaltung haben Pferde jederzeit Zugang zu einem überdachten Unterstand und einer Auslauffläche. Diese Form entspricht dem natürlichen Bewegungsbedürfnis und ermöglicht soziale Kontakte in der Herde.

Vorteile:
  • Dauerhafte Bewegungsmöglichkeit
  • Soziale Kontakte zu Artgenossen
  • Witterungsangepasstes Verhalten möglich
  • Natürliches Fressverhalten förderbar

Boxenhaltung

Moderne Boxenhaltung mit großzügigen, hellen Boxen

Die klassische Einzelboxenhaltung ist in Europa noch immer weit verbreitet. Pferde leben hier in separaten Boxen, idealerweise mit Sichtkontakt zu Artgenossen und täglichem Weidegang oder Paddockzeit.

Wichtig bei Boxenhaltung:
  • Mindestens täglich mehrere Stunden Auslauf
  • Sicht- und möglichst Berührungskontakt zu anderen Pferden
  • Ausreichend große Box (mind. 2x Widerristhöhe² für Großpferde)
  • Gute Belüftung ohne Zugluft

Weidehaltung

Pferdeherde auf einer weitläufigen Weide

Die naturnaheste Form der Pferdehaltung ist die ganzjährige oder saisonale Weidehaltung in einer Herde. Im Winter benötigen die Pferde einen windgeschützten Unterstand und evtl. Zufütterung.

Zu beachten:
  • Ausreichend große Weidefläche (mind. 0,5 ha pro Pferd)
  • Wetterschutz (natürlich oder künstlich)
  • Sichere Einzäunung
  • Zugang zu sauberem Wasser
  • Weidemanagement zur Vermeidung von Überweidung

Aktivstall

Moderner Aktivstall mit verschiedenen Funktionsbereichen

Der moderne Aktivstall kombiniert die Vorteile der Gruppenhaltung mit einer automatisierten Fütterung und strukturierten Umgebung, die Bewegung fördert.

Besonderheiten:
  • Individuelle Fütterung über Transponder
  • Funktionsbereiche (Fressen, Ruhen, Trinken) sind räumlich getrennt
  • Fördert natürliches Bewegungsverhalten
  • Bietet Sozialkontakte in der Herde

Artgerechte Fütterung

Als Steppentiere sind Pferde darauf ausgelegt, bis zu 16 Stunden täglich mit der Nahrungsaufnahme zu verbringen. Eine artgerechte Fütterung orientiert sich an diesen natürlichen Bedürfnissen.

Grundsätze der Pferdefütterung

  • Häufig kleine Portionen statt wenige große Mahlzeiten
  • Viel Raufutter (Heu, Gras) als Basis der Ernährung
  • Langsame Futterumstellungen über mindestens 10-14 Tage
  • Füttern nach Gewicht, nicht nach Volumen
  • Immer zuerst Wasser, dann Futter anbieten
  • Futterpausen von maximal 4 Stunden

Raufutter

Raufutter sollte mindestens 1,5% des Körpergewichts des Pferdes ausmachen. Ein 500 kg schweres Pferd benötigt also mindestens 7,5 kg Heu täglich.

Qualitätskriterien für gutes Heu:

  • Grünlicher bis gelblicher Farbton
  • Aromatischer, süßlicher Geruch
  • Keine Schimmelbildung
  • Nicht zu staubig
  • Vielfältiger Pflanzenbestand

Kraftfutter

Kraftfutter (Hafer, Müsli, Pellets) sollte nur bei erhöhtem Energiebedarf zugefüttert werden:

  • Bei Hochleistungssport
  • Bei Untergewicht
  • Für tragende und säugende Stuten
  • Im Wachstum
  • Bei gesundheitlichen Problemen

Kraftfutter sollte stets auf mehrere kleine Portionen verteilt werden (max. 0,5 kg pro 100 kg Körpergewicht pro Mahlzeit).

Salzversorgung

Pferde verlieren über den Schweiß Salze, die ersetzt werden müssen. Ein Salzleckstein sollte daher immer frei zugänglich sein. Bei starkem Schwitzen kann zusätzlich Salz über das Futter gegeben werden.

Wasser

Ein Pferd trinkt durchschnittlich 30-40 Liter Wasser pro Tag, bei Hitze oder körperlicher Anstrengung auch mehr. Frisches, sauberes Wasser muss jederzeit zur Verfügung stehen.

Stall- und Weidemanagement

Stallklima

Für ein gesundes Stallklima sind folgende Punkte wichtig:

  • Gute Belüftung ohne Zugluft
  • Relative Luftfeuchtigkeit zwischen 50-70%
  • Staubfreie Umgebung
  • Temperatur idealerweise zwischen 5-20°C
  • Ausreichende Lichtzufuhr (Tageslicht)

Einstreu

Verschiedene Einstreumaterialien haben spezifische Vor- und Nachteile:

  • Stroh: Natürlich, fressbar, preiswert, aber staubig und arbeitsintensiv
  • Holzspäne: Saugfähig, weniger Staub, aber teurer und nicht fressbar
  • Hanfeinstreu: Sehr saugfähig, staubarm, aber teuer
  • Strohhäcksel: Kompromiss zwischen Stroh und Spänen

Weidemanagement

Eine gut gepflegte Weide ist die natürlichste Futterquelle für Pferde:

  • Regelmäßiges Abäppeln (Entfernen von Pferdemist)
  • Mähen von nicht abgefressenen Flächen
  • Nachsäen kahler Stellen
  • Weidewechsel und Ruhezeiten einplanen
  • Giftpflanzen erkennen und entfernen
  • Zaunkontrollen durchführen

Paddockgestaltung

Ein artgerechter Paddock bietet mehr als nur Bewegungsfläche:

  • Trittsicherer, gut drainierter Boden
  • Verschiedene Bodenbeschaffenheiten für Hufgesundheit
  • Ausreichend Platz (mind. 16m² pro Pferd)
  • Sonnen- und Wetterschutz
  • Beschäftigungsmöglichkeiten (Spielzeug, Knabbermöglichkeiten)

Tägliche Pflege

Fellpflege

Regelmäßiges Putzen ist wichtig für die Haut- und Fellgesundheit:

  • Entfernt Schmutz und lose Haare
  • Fördert die Durchblutung
  • Stärkt die Bindung zwischen Mensch und Pferd
  • Ermöglicht Kontrolle auf Verletzungen oder Parasiten

Zum Grundputzzeug gehören: Kardätsche, Striegel, Wurzelbürste, Mähnenkamm, Schweifbürste, Schwamm und Hufauskratzer.

Hufpflege

"Kein Huf, kein Pferd" – regelmäßige Hufpflege ist essenziell:

  • Tägliches Auskratzen der Hufe
  • Regelmäßige Kontrolle auf Risse oder Verletzungen
  • Hufschmied-/Hufpflegertermine alle 6-8 Wochen
  • Bei Beschlag: Kontrolle auf lose Nägel oder verschobene Eisen
  • Bei Bedarf Feuchtigkeitspflege (Huföl oder -fett)

Bewegung

Pferde sind Lauftiere und benötigen tägliche Bewegung:

  • Idealerweise mehrere Stunden Weidegang/Freilauf
  • Abwechslungsreiches Training mit verschiedenen Anforderungen
  • Regelmäßige, moderate Bewegung ist besser als seltene Überforderung
  • Aufwärm- und Abkühlphasen nicht vergessen
  • Anpassung an Alter, Kondition und Gesundheitszustand

Zahnpflege

Pferdezähne wachsen ein Leben lang und nutzen sich durch das Mahlen der Nahrung ab. Probleme können entstehen, wenn die Abnutzung ungleichmäßig erfolgt:

  • Regelmäßige Kontrolle durch den Tierarzt (1-2x jährlich)
  • Anzeichen für Zahnprobleme: Futterverfall, Gewichtsverlust, Kopfschütteln beim Reiten
  • Professionelles "Raspeln" der Zähne bei Unregelmäßigkeiten

Gesundheitsvorsorge

Impfungen

Standardimpfungen für Pferde in Deutschland:

  • Tetanus: Basisimmunisierung, dann alle 2-3 Jahre
  • Influenza: Basisimmunisierung, dann jährlich
  • EHV (Herpes): Bei Bedarf, empfohlen für Zucht- und Turnierpferde
  • Weitere Impfungen je nach regionaler Situation (z.B. West-Nil-Virus)

Entwurmung

Moderne Entwurmungsstrategien setzen auf gezielten Einsatz:

  • Regelmäßige Kotproben zur Bestimmung des Wurmbefalls
  • Selektive Entwurmung nur bei nachgewiesenem Befall
  • Weidemanagement zur Reduzierung des Infektionsdrucks
  • Quarantäne und Entwurmung neuer Pferde vor Eingliederung

Vitale Werte eines gesunden Pferdes

  • Temperatur: 37,5-38,2°C
  • Puls: 28-40 Schläge/Minute in Ruhe
  • Atmung: 8-16 Züge/Minute in Ruhe
  • Darmgeräusche: regelmäßig in allen vier Quadranten

Diese Normalwerte solltest du kennen, um im Notfall Abweichungen feststellen zu können.

Notfallvorsorge

Für den Notfall vorbereitet sein:

  • Telefonnummer des Tierarztes griffbereit haben
  • Grundlegende Erste-Hilfe-Kenntnisse für Pferde erwerben
  • Erste-Hilfe-Set für Pferde bereithalten
  • Transport- und Evakuierungsmöglichkeiten kennen
  • Versicherungsschutz prüfen (OP-Versicherung, Haftpflicht)

Weiterführende Literatur

Artgerechte Pferdehaltung

von Marlitt Wendt

Umfassender Ratgeber zur pferdegerechten Haltung mit wissenschaftlichem Hintergrund.

Handbuch Pferdefütterung

von Dr. Ingrid Vervuert

Fundiertes Fachwissen zur bedarfsgerechten Ernährung von Pferden.

Pferde Gesund durch Homöopathie

von Dr. med. vet. Carolin Drahten

Alternativmedizinische Ansätze zur Gesunderhaltung des Pferdes.